Die zweite große Reise mit den Eltern 1803/04

Aus dem Lebenslauf, mit dem Arthur Schopenhauer sich im Dezember 1819 zur Habilitation an der Berliner Universität vorstellt:

Der Vater: Heinrich Floris Schopenhauer Schopenhauer-Archiv Frankfurt am Main

„Lange vor Ablauf dieser Zeit [der Schulzeit in Hamburg] jedoch erfasste mich eine starke Neigung zur Gelehrtenlaufbahn, und ich ging meinen Vater mit inständigen Bitten an, mir in dieser Beziehung den Willen zu thun und mich nicht Kaufmann werden zu lassen. Dieser aber hegte hiergegen den größten Widerwillen und ließ sich, da er, nach seinem Dafürhalten, einzig meinen Vorteil im Auge hatte, nicht erweichen. Da ich jedoch, durch keine Fehlbitte abgeschreckt und ermüdet, ihm stets mit dem nämlichen Anliegen in den Ohren lag, und auch Dr. Runge [Leiter der Hamburger Schule und Schopenhauers geistiger Förderer] mir das Zeugniß gab, daß  ich andere und höhere Geistesfähigkeiten besitze, als welche der Kaufmann braucht, so wurde endlich der darüber hinaus feste Sinn meines Vaters soweit gebrochen, oder aber wankend gemacht, daß er sich, obwohl widerstrebend, einzuwilligen geneigt zeigte und davon sprach, mich dem Gymnasium zu übergeben. Da seiner väterlichen Liebe mein Wohl vor allem am Herzen lag und in seiner Ideenverbindung die Begriffe Gelehrtenthum und Dürftigkeit unzertrennlich verknüpft waren, so glaubte er vor allem dafür sorgen zu müssen, daß dieser drohenden Gefahr bei Zeiten vorgebeugt werden müsse. Er beschloß deshalb, mich zum Hamburger Canonicus zu machen und begann sich mit den dazu erforderten Bedingungen zu beschäftigen. Indem er jedoch über die, in der That hohe Einkaufssumme nicht sofort einig wurde, verzögerte dies die ganze wegen der Veränderung meines Lebensplans zu treffende Entscheidung. Aus diesem Aufschube schöpfte mein Vater neue Hoffnung, mich von meinem Gedanken abzubringen. Daß er dies nicht mit Gewalt durchsetzte, davon hielt ihn die ihm angeborene Achtung vor der Freiheit jedes Menschen zurück. Aber mich mit List zu versuchen, nahm er keinen Anstand. Er wußte daß ich sehr begierig war die Welt zu sehen sowie daß ich mich lebhaft sehnte, wieder einmal nach Havre und zu meinen theuren Freunden1 dort zu kommen. Deshalb eröffnete er mir, daß er im nächsten Frühjahr mit seiner Frau eine länger andauernde Vergnügungsreise durch einen großen Theil von Europa unternehmen werde und daß ich diese herrliche Tour, auf der ich Gelegenheit haben würde, auch Havre wiederzusehen, mitmachen könne, wenn ich ihm nur versprechen wolle, mich nachher ganz dem Kaufmannsstande zu widmen; wolle ich hingegen auf dem Vorhaben der Gelehrten-Laufbahn bestehen, so müsse ich, um Lateinisch zu lernen, in Hamburg bleiben. Die Wahl stehe bei mir.
Einer solchen Versuchung widerstand das jugendliche Herz nicht ..."

Übersetz von Wilhelm von Gwinner in:
Gwinner, Wilhelm von: Schopenhauers Leben. 3. Aufl.
Leipzig: Brockhaus 1910. S. 157-166

Auf dieser Reise sieht Arthur Schopenhauer so viel Not und menschliches Elend mit überwachem Auge, daß er diese Erlebnisse viele Jahre später als seine Ausfahrt Buddhas bezeichnen wird.

Sonnab. d. 12. Aug. [1804] Heute kamen wir unter heftigem Regen im lieben Dresden an.

Arthur Schopenhauer

Reisetagebücher aus den Jahren 1803-1804
Original im Schopenhauer-Archiv; UB Frankfurt
Nach der Transkription durch Charlotte von Gwinner am handschriftlichen Original korrigiert von Jochen Stollberg (Dresden)2
[Die teilweise stark vom heutigen Gebrauch abweichende Schreibweise wurde beibehalten]

Heft 3: 19. Juni – 25. August 1804

Johann Carl August Richter: Ansicht von Bautzen um 1850, Wikipedia

Freyt. d. 11. Aug.

Wir waren jetzt über die sächsische Grenze, u. fanden immer schönere waldigere Gegenden. Wir aßen zu Mittag in Bauzen, u. fuhren dann sehr spät bis zum Dörfchen3 ... wo wir die Nacht in einem höchst elenden Wirthshause zubrachten.

Sonnab. d. 12. Aug.

Heute kamen wir unter heftigem Regen im lieben Dresden an. Obgleich wir schon mehrmals in Dresden gewesen waren, hielten wir uns auch noch dies Mal zehn Tage in dieser in jeder Hinsicht so schönen und interessanten Stadt auf, u. besahen auch nochmals einige von ihren vielen sehenswürdigen Sammlungen: besonders die herrliche Bildergalerie4,

In der Dresdner Galerie, Aus: Haenel, E.: Das alte Dresden. München 1925.

die ich so viel wie möglich täglich besuchte5, deren Kunstschäze die sich mit den ersten aller Sammlungen die ich noch gesehen habe, vergleichen lassen. Sehr unangenehm ist es daß die Bilder hier nicht wie in andern Gallerien Nummern haben, weswegen der Katalog fast keinen andern Nutzen hat, als den sich nachher die Bilder mehr zu vergegenwärtigen.

Blick ins Grüne Gewölbe um 1900, Wikipedia

Auch das berühmte grüne Gewölbe haben wir nochmals besucht. Auch jetzt nachdem ich so viele Schatzkammern gesehen habe, finde ich doch6 noch daß es alle an Reichthum weit übertrifft. Man glaubt sich in einen Feen-Pallast versezt, u. wird von der unendlichen Pracht geblendet, wenn man die glänzenden Zimmer betritt, in denen sich die kostbaren goldenen Gefäße u. Spielwercke von Diamanten, an den Spiegelwänden vervielfachen: das Auge kann wirklich nur mit Mühe auf dem blizenden Brillianten-Schmuck weilen. –

Die alten Spielwercke in der Kunstkammer haben wir auch noch einmal gesehn u. uns über den Kirschkern mit 120 Köpfen u. den vielen feinen Schnitzerein etc etc. recht sehr gewundert. – Ich bin auch in der Rüstkammer gewesen, u. habe mich an den vielen schön gearbeiteten Harnischen, den kostbaren mit Edelsteinen belegten Pferdegeschirren, den vielen Waffen u. uralten Kleidern gefreut. Der großen Messe in der prächtigen katholischen Kirche habe ich zweymal beygewohnt, wegen der herrlichsten Kirchenmusik die ich je gehört habe, u. die besonders durch den Gesang der Kastraten Pinelli u. Cassarelli7 erhöht wird: dabey sahen wir den8 auch den Hof, in der steifen Kleidung die man vor 50 Jahren trug, aus der Kirche kommen.

Die so außergewöhnlich schönen Gegenden um Dresden haben wir auch größtentheils alle besucht. Besonders den herrlichen Plauener Grund, dessen schroffe nackte Felsen mir jetzt indessen sehr zwergisch erschienen. Der Weg nach Tarant bleibt jedoch immer äußerst reizend, besonders an den freieren Stellen, u. die Aussicht von den Ruinen in Tarant ist unstreitig eine der schönsten, die es giebt: der Anblick der drey reizenden Thäler, von Felsen u. bewachsenen Bergen eingeschlossen ist überaus prächtig. In Meißen sind wir ebenfalls gewesen u. haben auch dort die schöne Aussicht vom Berge gesehen. Den herrlichen Weg nach Pirna sind wir auch gefahren u. haben das geschmackloseste aller Schlösser daselbst gesehen. Auch besahen wir das nahe dabey gelegene neue Landhaus des Fürsten Patiatin9: es ist in einem höchst seltsamen u. abentheuerlichen Geschmack gebaut: die Außenseite ist ein sonderbares Gemisch von hölzernen Giebeln u. Gallerie

 

Christian Gottlob Hammer: Kleinschachwitz bei Dresden: Landhaus des Fürsten Putjatin, Wikipedia

Die Zimmer sind sehr reich aber immer originell meublirt u. dekorirt. Von den obern Gallerien hat man eine sehr schöne Aussicht auf die reizenden Ufer der Elbe, u. bis zum Königstein u. das böhmische Gebirge. Ein andres Mal fuhren wir diesen selben schönen Weg weiter hinauf bis nach Pirna, dessen Lage an der Elbe unbeschreiblich reizend ist.

Ludwig Richter: Wasserfall im Liebethaler Grund / Aus: L. Richter: 70 mahlerische An- und Aussichten der Umgebung von Dresden. Dresden: Arnold 1820

Von hier aus machten wir die sehr schöne Ausfarth nach Liebethal, wo große Steinbrüche sind deren Anblick an einigen Stellen sehr romantisch ist, besonders bey der Lochmühle, wo ein Waldstrohm durch das enge schroffe Felsenthal braust u. einen sehr hübschen wasserreichen Fall macht, dessen Gebraus sehr starck in dem engen Thale hallt.

Dienst. D. 22. Aug.

Diesen Nachmittag verließen wir Dresden, u. fuhren durch einen schönen großen Wald bis zum hübsch gebauten Städtchen Großenhayn.

Matthäus Merian: Ansicht von Großenhain, Wikipedia

1  Vom Juli 1797 bis zum Sommer 1799 lebte Arthur Schopenhauer in der Familie Grégoire de Blésimaire in Le Havre, erhielt Unterricht gemeinsam mit dem Sohn der Gastgeberfamilie Anthime, mit dem er dann eine langjährige Freundschaft pflegte
2 Original im Schopenhauer-Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt. Signatur: IX, 1
Das Journal ist bisher zweimal im Druck erschienen:

-    Schopenhauer, Arthur: Reisetagebücher aus den Jahren 1803-04. Hrsg. von Charlotte von Gwinner. Leipzig: Brockhaus 1923. – 316 S.
-    Schopenhauer, Arthur: Die Reisetagebücher. Mit einem Nachwort von Ludger Lütkehaus. Zürich: Haffmanns 1988. – Reisetagebücher 1803-04: S. 45 - 260. Diese Ausgabe übernimmt die Transkription Carlotte von Gwinners unverändert.

3 Der Name des Dörfchens ist im Manuskript ausgelassen
4
abweichend von Gwinner nach der Handschrift „Bildergalerie“, nicht „Bildergallerie“
5
Interessant ist hier die Formulierung „ich“, die den 16-jährigen jungen Mann schon auf eigenen Bildungswegen zeigt.
6
  „doch“ nach der Handschrift, fehlt im Druck
7
beide Personennamen im Original in lateinischer Schrift
8
„den[n]“ nach der Handschrift – fehlt im Druck
9
im Original in lateinischer Schrift. Gemeint ist Fürst [Nikolai] Putjatin