„Auch ich muß jetzt schmerzlich aufseufzen: „ich trete die Kelter allein!“

Schopenhauer an Goethe am 7. Februar 1816

Schopenhauer und Goethe

Studien zur Farbenlehre

Nach dem Abschluß seiner Dissertation erlebt Arthur Schopenhauer einen zwiespältigen Winter 1813/14 in Weimar. Einerseits befindet er sich in einer ausgesprochen euphorischen Stimmung, denn der verehrte Goethe würdigt ihn nicht nur seines regelmäßigen Umgangs, sondern er bezieht ihn in die Experimente zur Farbenlehre ein und bespricht mit dem jungen Mann allerlei philosophische, künstlerische und allgemein menschliche Fragen. Andererseits wird Arthurs Verhältnis zu seiner Mutter und deren Hausgenossen immer gespannter, daß sich für Mutter und Sohn nur eine endgültige Trennung ihrer Wege vorstellen läßt.

Prisma aus Schopenhauers Nachlaß solche Prismen nutzen Goethe und Schopenhauer bei ihren Versuchen UB Frankfurt am Main / Schopenhauer-Archiv

Im ersten Jahr seines Dresdner Aufenthalts arbeitet Schopenhauer an dem Thema weiter, das er aus Weimar mitgebracht hat: einer Theorie des Sehens und der Farben. Von seinen Bibliotheksausleihen stehen für diesen Zeitraum aber lediglich fünf Bände von Gilberts Annalen der Physik, ein Werk über Newtons Farbentheorie und Goethes Farbenlehre1 in diesem Zusammenhang und auch in seinen Manuskriptbüchern findet diese Beschäftigung erstaunlich wenig Widerhall: lediglich auf drei Stellen aus diesen Jahren verweist Schopenhauers eigenhändiges Register. Das bekräftigt den Verdacht, daß wichtige Handschriften Schopenhauers nicht erhalten sind.

Aus einem der Dresdner Manuskripthefte Schopenhauers Berlin: Staatsbibliothek Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Anfang Juli 1815 schickt Schopenhauer das fertige Manuskript seines Büchleins: „Über das Sehn und die Farben“ nach Weimar zu Goethe und man kann sich die Spannung vorstellen, mit der der junge Mann eine Antwort seines verehrten Meisters erwartet. Acht Wochen später, am 3. September, beklagt sich Schopenhauer verzweifelt über das Ausbleiben jeder Reaktion2 : „Es würde thörigt und vermessen seyn, wenn ich mir deshalb die leiseste Andeutung eines Vorwurfs gegen Ewr Excellenz erlauben wollte. Andererseits jedoch hat mir die Gesinnung, aus der ich meine Schrift Ewr Excellenz übersandte, keineswegs die Verpflichtung auferlegt, mich jeder Bedingung zu unterwerfen, unter der allein Sie diese Schrift zu lesen und zu berücksichtigen geneigt sein möchten. Ich weiß von Ihnen selbst, daß Ihnen das literarische Treiben stets Nebensache, das wirkliche Leben Hauptsache gewesen ist. Bei mir aber ist es umgekehrt: was ich denke, was ich schreibe, das hat für mich Werth und ist mir wichtig: was ich persönlich erfahre und was sich mit mir zuträgt, ist mir Nebensache, ja ist mein Spott.“ Noch fünfmal schreibt Schopenhauer an Goethe um wenigstens sein Manuskript für eine Veröffentlichung zurückzubekommen und macht seiner Verbitterung Luft, als er sich am 7. Februar 1816 erneut an ihn wendet: „Auch ich muß jetzt schmerzlich aufseufzen: ‚ich trete die Kelter allein!’ – Ich kann es nicht verhehlen, daß es mich sehr geschmerzt hat, so gar keine ernstliche Theilnahme, Rückwirkung, Erwiderung von Ihnen erhalten zu haben. Die Erfüllung meiner ersten Bitte hoffte ich viel zuversichtlicher, als ich mir merken lassen mochte: ich war der lebhaftesten Theilnahme gewiß.“ Und er fügt gegen Ende dieses Briefes hinzu: „aber seit ich Ihnen meine Schrift schickte, habe ich in der Menschenverachtung neue und starke Progresse gemacht...“

Titelblatt der Erstausgabe UB Frankfurt / Schopenhauer-Archiv

Und auch in dem Begleitbrief, mit dem Schopenhauer am 4. Mai 1816 das fertig gedruckte Werk nach Weimar schickt, nimmt sich der junge Autor kein Blatt vor den Mund: „Wenn Ewr Excellenz sich die Mühe geben wollen, die Schrift nochmals zu lesen, so werden Sie solche überall stark verändert und durch sehr bedeutende Zusätze vermehrt finden. Um Ihr Urtheil würde ich bitten, wenn ich nicht die Hoffnung aufgegeben hätte es jemals zu erfahren, nachdem ich in einem langen Briefwechsel so oft und so dringend vergeblich darum geworben habe.“

Etui zu einem Prisma aus Schopenhauers Nachlaß UB Frankfurt am Main / Schopenhauer-Archiv

Goethe kann damit offenbar nicht fertig werden, daß dieser junge Mann sich seine Gedanken angeeignet hat und aus seiner Sicht weiterführt:

Ferdinand Jagemann: Goethe 1817 Kreidezeichnung Weimar/ Stiftung Weimarer Klassik

Johann Wolfgang von Goethe3
Lähmung

Was Gutes zu denken wäre gut,
Fänd't sich immer das gleiche Blut;
Dein Gutgedachtes, in fremden Adern,
Wird sogleich mit dir selber hadern.

Ich wär' noch gern ein tätig Mann,
Will aber ruh'n;
Denn ich soll ja noch immer tun,
Was immer ungern ich getan.

Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden,
Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden.

Nachbemerkung


Diese Enttäuschung kam für Schopenhauer keineswegs völlig unerwartet. Schon in dem Brief vom 24. April 1814, mit dem er um Böttigers Hilfe für seine Übersiedlung nach Dresden bittet, hatte Arthur Schopenhauer bemerkt: „Aus vielerlei Gründen ist Weimar nicht der rechte Ort für mich, am wenigsten im Sommer. Zwar hätte ich diesen Winter nirgends in der Welt lieber seyn mögen als hier, da der große Göthe mich seines näheren, mir unendlich lehrreichen Umgangs würdigte: aber theils bereist er im Sommer die Bäder, theils steht schon der große Abstand des Alters mir zu einer dauerhaften Verbindung mir ihm entgegen, theils endlich darf man wegen des Unbestandes mit welchem er bald diesen bald jenen auf eine Weile zu sich hinaufzieht, nicht auf ihn in seinen Plänen Rechnung machen. Mein beß’res und eigentliches Leben ist mein philosophisches Studium, dem ist alles Übrige tief untergeordnet,
ja es ist nur eine leichte Zugabe dazu.“


Die Randbemerkungen in Schopenhauers eigenen Goethe-Ausgaben belegen, daß er sich sein Leben lang kritisch, ja mitunter spöttisch, mit Goethe auseinandergesetzt hat, seine öffentlichen Äußerungen haben aber nie einen Zweifel an seiner Verehrung für den Weimarer Dichterfürsten aufkommen lassen.


1 d.h. Schopenhauer besitzt zu diesem Zeitpunkt noch kein eigenes Exemplar

2 Alle Briefstellen dieses Themas sind zitiert nach: Arthur Schopenhauer: Gesammelte Briefe. Hrsg. von Arthur Hübscher. Bonn: Bouvier 1978

3 Zitiert nach Schopenhauer-Jahrbuch 1913, S. 11 f.