Arthur Schopenhauer und die königliche öffentliche Bibliothek zu Dresden



Blick auf das Japanische Palais, das in jener Zeit die Porzellansammlung und die Antikensammlung im Erdgeschoß sowie die königliche öffentliche Bibliothek in den oberen Stockwerken beherbergte aus: Heinrich Rittner: Dresden mit seinen Prachtgebäuden und schönsten Umgebungen.1818. Aufnahme: SLUB/ Deutsche Fotothek

I. 1814-1818

 „Vom dem menschlichen Wissen überhaupt, in jeder Art, existirt der allergrößte Theil stets nur auf dem Papier, in den Büchern, diesem papiernen Gedächtiß der Menschheit. Nur ein kleiner Theil desselben ist, in jedem gegebenen Zeitpunkt, in irgendwelchen Köpfen wirklich lebendig. Dies entspringt besonders aus der Kürze und Ungewißheit des Lebens, zudem aus der Trägheit und Genußsucht der Menschen.“

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena.
Bd. 2, Kap. 21:Über Gelehrtsamkeit und gelehrte, § 254

Für den einsamen, heimatlosen Denker Arthur Schopenhauer waren Bücher die wichtigsten Gesprächspartner, zu denen er aber ein ebenso ambivalentes Verhältnis hatte, wie zu seinem jeweiligen menschlichen Gegenüber: „Kommt doch überall zuletzt Alles auf die eigene Kraft an: und wie keine Speise, oder Arznei, Lebenskraft ertheilen, oder ersetzen kann, so kein Buch, oder Studium, den eigenen Geist.“ 1

Exlibris, mit dem Arthur Schopenhauer seine eigenen Bücher kennzeichnete Frankfurt / Schopenhauer-Archiv

Seit seiner frühesten Jugend hat Schopenhauer eine persönliche Bibliothek aufgebaut, hat dafür stets Werke ausgewählt, von denen er wußte, daß er sie immer wieder zur Hand nehmen wollte oder solche, die er in den jeweils erreichbaren Bibliotheken vermisste. Daß er bereits mit 26 Jahren so viele Bücher hatte, daß ihre Menge ein Transportproblem darstellte, geht aus einem Brief an Carl August Böttiger hervor, in dem er seine Dresdner Pläne darlegt: „meine nicht ganz kleine Büchersammlung, die größtentheils noch in Berlin liegt, könnte ich mit mäßigen Kosten dahin bringen lassen...“ 2
An jedem seiner Wohnorte wurde er bald ein fleißiger Bibliotheksnutzer und stets nahm er seine Wohnung in bequemer Fußwegentfernung zur öffentlichen wissenschaftlichen Büchersammlung.

 

Friedrich Adolf Ebert leitet seit 1814 die Dresdner Bibliothek Abbildung: SLUB / Deutsche Fotothek Aufnahme: André Rous

Die Königliche öffentliche Bibliothek in Dresden zählt in jener Zeit zu den bestgeordneten, größten und gewiß auch schönsten Bibliotheken des ganzen deutschsprachigen Raums. Friedrich Adolf Ebert, einer der bedeutendsten Bibliothekare des frühen 19. Jahrhunderts hatte 1822 die „Geschichte und Beschreibung der königlichen öffentlichen Bibliothek zu Dresden“ veröffentlicht, in der uns der Zustand der Bibliothek vor Augen geführt wird, wie ihn Schopenhauer erlebt. Der Bestand umfaßte damals insgesamt fast 500 000 Bände und war in drei Sälen und 21 Zimmern aufgestellt. Hinsichtlich der Schönheit der Bibliothek kommt Ebert in regelrechte Begeisterung:

Titelblatt des zitierten Werks, Nach dem Exemplar der UB Franfurt am Main

„Die unverschloßnen Schränke laufen ringsum an den Wänden hin, und über einem jeden zeigt eine auf blechernen Täfelchen sauber geschriebene Inschrift den Inhalt des Schrankes an. Die Mitte der Zimmer ist frei gelassen, und die Schränke sind mit Vasen, welche den Hamiltonschen glücklich nachgebildet sind, und mit Abgüssen antiker Köpfe besetzt. Der Saal der deutschen und französische Geschichte ist mit einem gebohnten Fußboden versehen und mit 16 Säulen von künstlichem Marmor geziert. Die Säle und Zimmer des hintern und rechten Seitenflügels bieten eine reizende Aussicht sowohl auf den unmittelbar am Palais gelegenen und dazu gehörigen Garten, als auch auf den von Weinbergen umkränzten Elbgrund nach Meißen zu und über die Elbe hinweg nach den Bergen des Plauischen Grundes.“

In den ersten Wochen seines mehr als vierjährigen Dresdner Aufenthalts kann Schopenhauer die Bücher der Bibliothek nur vor Ort nutzen, denn die Kriegswirren hatten gewisse Ausleihbeschränkungen notwendig gemacht. So schreibt er in einem Brief vom 19. Februar 1818 an Johann Georg Keil: „allein in jenem ganzen Jahr [1814] und noch länger, hatte die Bibliothek festgesetzt durchaus kein Buch selbst hier in Dresden auszuleihen, weil das viele fremde Militär jene Vergünstigung gemißbraucht hatte ... Jetzt ist die alte Liberalität wieder eingetreten ...“

Im Gegensatz zu dieser Aussage erhält Schopenhauer, dank der Bürgschaft Carl August Böttigers, vermutlich am 8. Juni 1814 zum ersten Male Bücher nach Hause ausgeliehen. Die Ausleihdaten der beiden Titel, die im Ausleihbuch unter einem früheren Datum eingetragen sind, müssen einen damaligen Schreib- oder einen heutigen Lesefehler geschuldet sein – inhaltlich passen sie durchaus zum Profil der Schopenhauerschen Ausleihen. Man kann annehmen, daß die im Ausleihjournal der Bibliothek nachgewiesenen Titel nur die sind, die Schopenhauer mitnehmen durfte. Einsicht in Bücher innerhalb der Räume der Bibliothek, die in den Regalen zugänglich waren (so z.B. Wörterbücher, Lexika, Atlanten, aber auch Titel, in denen lediglich ein Zitat zu prüfen war), sind hier nicht berücksichtigt.

Insgesamt sind 183 Vorgänge nachgewiesen, bei denen Schopenhauer 136 verschiedene Titel ausgeliehen hat. Das heißt, eine Reihe von Büchern hat er in diesen viereinhalb Jahren mehrfach genutzt.

Eine Überprüfung am gegenwärtigen Bestand der Dresdner Landesbibliothek ergab, daß von den136 Titeln, die Schopenhauer 1814-1818 ausgeliehen hat, noch fast 90% in denselben Exemplaren vorhanden sind. Während Schopenhauers emotionsgeladenen Glossen und Anstreichungen in seinen eigenen Büchern bekannt sind, konnte der Verfasser dieser Zeilen feststellen, daß er in den Bibliotheksexemplaren keine Spuren hinterlassen hat. Unter den genannten Ausleihen waren 33 Zeitschriften. Dabei erscheinen die Asiatic Researches, die Annalen der Physik und das Fichte/Niethammerscher Philosophische Journal mit den häufigsten Nennungen. Zu den Asiatic Researches, die ihm zu einer wichtigen Quelle seiner indischen Studien wurden, hat Schopenhauer sich ein eigenes Heft für Exzerpte angelegt, das im Bestand der Staatsbibliothek Berlin erhalten ist. Von diesen 136 ausgeliehenen Büchern oder Zeitschriften  hat sich Schopenhauer später 77 Werke in derselben oder einer anderen Ausgabe für seine eigene Bi¬bliothek gekauft.

In der Dresdner Bibliothek entstanden während der Jahre 1814-1818:

    Über das Sehn und die Farben. Leipzig: Hartknoch 1816

Und vor allem Sein Hauptwerk:

    Die Welt als Wille und Vorstellung. Leipzig: Brockhaus 1819 [d.i. 1818]

In der Bibliothek traf er mehrfach den Philosophen Karl Christian Friedrich Krause.

II. 1819/20

Der Zusammenbruch des Danziger Bankhauses Muhl, bei dem sowohl Johanna und Adele als auch Arthur Schopenhauer einen großen Teil ihres Vermögens angelegt hatten, zwingt den jungen Philosophen, seinen Lebensplan so zu ändern, daß er sich nach einem Broterwerb umsieht. Er kehrt also im August 1819 aus Italien nach Dresden zurück und versucht, sich ökonomisch darauf einzurichten, daß sein Vermögen ihn nicht mehr wird ernähren können. Von hier aus bemüht er sich, im akademischen Lehrbetrieb Fuß zu fassen und zielt schließlich auf Berlin. In den acht Monaten, die er nun wieder in Dresden lebt, arbeitet er mit Fleiß an seinem geplanten Berliner Auftritt. Arthur Schopenhauer bereitet seine Habilitation vor, die in unserem Fall in einer mündlichen Disputation über seine Probevorlesung „Über die vier verschiedenen Arten der Ursachen“ bestand, er konzipiert seine lateinische Vorlesung „Declamatio in laudem philosophiae [Feierliche Lobrede auf die Philosophie]“, verfaßt für diese Bewerbung einen ausführlichen Lebenslauf, ebenfalls in lateinischer Sprache, und beginnt seine für Berlin geplanten Vorlesung „Über die gesammte Philosophie“ auszuarbeiten. Wieder nutzt er regelmäßig die Bestände der königlichen Bibliothek und es fallen unter den Bibliotheksausleihen mehrere Lehrbücher der lateinischen Stilistik und Rhetorik auf.  Ende März 1820 zieht er dann nach Berlin.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit Studenten (um 1828), Quelle: Wikipedia

Nachdem er seinen Plan, sich als Privatdozent neben Georg Wilhelm Friedrich Hegel zu behaupten, als gescheitert ansehen muß, bricht er am 1822 zu seiner zweiten Italienreise auf.

III. 1824/25

Vor seiner zweiten Italienreise schreibt Arthur seiner Schwester Adele noch aus Berlin am 15. Januar 1822: „... möchte es doch wohl nicht ganz überflüssig seyn Dir anzuzeigen, daß ich den Sommer in Dresden zubringen werde. Denn hier habe ich doch keine Zuhörer und habe seit 1 ½ Jahren nicht gelesen; Berlin liebe ich gar nicht, besonders der Sommer ist hier unerträglich, theuer ist es entsetzlich. Was ich in der Welt allein eigentlich gewollt habe, habe ich vollbracht, mein Buch: da nun für meine mäßigen Bedürfnisse mein Vermögen ausreicht, werde ich denn wohl den Rest meiner Tage, deren größte Hälfte schon vorüber ist, in Dresden leben, wie immer bloß mit meinen Studien und Gedanken beschäftigt, bis man etwa mich zu einem Lehrstuhl beruft.“ Anstelle eines geplanten Sommeraufenthalts tritt Arthur Schopenhauer am 27. Mai 1822 seine zweite Italienreise an. Diese Reise muß Schopenhauer im Mai 1823 aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Über München, Bad Gastein, Stuttgart, Mannheim, Frankfurt und Leipzig, kehrt er am 13. September 1824 nach Dresden zurück und wohnt, mindestens vorübergehend, in der Moritzstraße 3. Und wieder gibt das Ausleihbuch der Dresdner Bibliothek, die er diesmal noch intensiver nutzt als 1820, die genaueste Auskunft über die Befindlichkeit des Philosophen: In der Zeit vom 1. Oktober 1824 bis 17. Mai 1825 erhält er bei 35 Besuchen 71 Bände ausgehändigt.  Diese erhebliche Steigerung erklärt sich unter anderem auch daraus, daß Schopenhauer inzwischen seinen Hauptwohnsitz in Berlin hatte und ihm in Dresden seine persönlichen Bücher nicht zu Gebote standen. Auch in diesem Winter 1824/25 zeigt sich das breite Spektrum von Schopenhauers Interessen: Vier ausgeliehene Jahrgänge des Journal Asiatique werden ergänzt durch Klaproths Asia Polyglotta und eine Ausgabe des indischen Epos Mahabharata. Erneut beschäftigt ihn George Berkeley, der schon im ersten Kapitel von Welt als Wille und Vorstellung eine wichtige Rolle spielt. Geschichte der Philosophie entleiht er von Johann Gottlieb Buhle und Wilhelm Gottlob Tennemann. Biographisch noch weiter zurück reicht das Interesse für Sulzers Theorie der schönen Künste. Von diesem Buch, das er schon in seinen Hamburger Jugendjahren gekauft hatte, wissen wir, daß es sich in seiner Privatbibliothek in Berlin befand. Nach wie vor nehmen die Naturwissenschaften und die Medizin einen zentralen Platz in seinen Studien ein: Zu den beiden Bänden mit Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten kommen vier zoologische Titel und zwei Werke zur Psychiatrie und zur philosophischen Anthropologie. Von besonderer Bedeutung sind jetzt aber die literarischen Werke: Es sind die Tragödien von Aischylos, Euripides und Sophokles, die Komödien des Aristophanes, die Werke des französischen Dramatikers Racine und vor allem die in Zwickau im Verlag von Schumann seit 1818 erscheinenden „Pocket Library of English Classics“, aus der er in diesem Winter 14 Bände zu sich nimmt. Obwohl es nicht möglich war, die exakten Titel festzustellen, weil die Nummerierung der Reihe sehr uneinheitlich ist, steht fest, daß Schopenhauer in großem Umfang Shakespeare, Marlow, Wakefield und vor allem Walter Scott ausgeliehen hat. Offenbar hat er seine akademischen Pläne begraben und er beabsichtig, sich als Übersetzer einen Namen zu machen. Von hier aus versucht er vergeblich, verschie¬denen Stellen seine exzellenten Übersetzerfähigkeiten anzubieten. Zwei Briefe, die dies belegen, sind erhalten. Im ersten schlägt er am 25. November 1824 einem unbekannten Berliner Verleger eine neue Übersetzung zweier Schriften von David Hume vor 4:

David Hume, Quelle: Wikipedia


„Bei dem jetzigen traurigen Zustand der Philosophie in Deutschland halte ich die Übersetzung zweier Schriften Hume’s für sehr zweckmäßig. ... Meinen Beruf als Übersetzer betreffend, so ist mir, da ich in früher Jugend bei einem Landprediger bei London die Englische Sprache gründlich erlernte, selbige höchst geläufig geblieben; so daß alle Engländer, mit denen ich besonders in Italien neuerlich viel Umgang gepflogen, bekannten, ihre Sprache nie so vollkommen von einem Ausländer reden gehört zu haben. ...“

Giordano Bruno, Quelle: Wikipedia

Dieser Brief wird zu einer Generalbewerbung, denn er fährt fort „Ich erbiete mich Ihnen daher auch überhaupt zu Übersetzungen Englischer Prosaiker, nicht bloß im Fache der Philosophie, sondern auch der gesamten Naturwissenschaften, Geschichte, Politik und Romane ... Ebenfalls bin ich zur Übersetzung aus dem Italiänischen erbötig.“ Aus dem Italienischen schlägt er als wichtiges, seltenes und gefragtes Werk Giordano Brunos „Della Causa, Principio ed Uno“ vor, wozu er noch anbietet, das Werk nicht nur in einer  deutschen sondern auch in einer von ihm selbst gefertigten lateinischen Fassung liefern zu wollen.


Mit seinem alten freund-feindlichen Verlagshaus Brockhaus hofft er  mit einem Brief vom 26. Januar 1825 auf dem Gebiet literarischer Übersetzungen ins Geschäft zu kommen. Er wünscht in der von dem Leipziger Verlag herausgegebenen „Sammlung Übersetzungen klassischer Romane des Auslandes“ eine neue deutsche Fassung des Tristram Shandy veröffentlichen zu können und grenzt sich von anderen Übersetzungen ab: „In jedem Fall würde ich ganz unabhängig davon und sehr con amore übersetzen, um den ganzen Eindruck und Geist des köstlichen Originals lebendig wiederzugeben, und da ich der Englischen Sprache, die ich jung in England erlernte, fast so mächtig als meiner eigenen bin, so darf ich hoffen, etwas sehr vollkommenes zu Stande zu bringen.“ 5 Diesen Versuchen ist kein Glück beschieden, ebenso wenig wie der später entstandenen, kongenialen und noch heute einzigen und erfolgreichen deutsche Fassung von Baltasar Gracians „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ aus dem Spanischen. Auch diese Arbeit findet keinen Verleger und kann sich erst postum durchsetzen.

Tabellarische Aufstellung der Bibliotheksbenutzung Arthur Schopenhauers aus den Jahres 1814 - 1825 in der Königlichen Öffentlichen Bibliothek zu Dresden:


1 Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, Bd 2, Kap. 19: zur Metaphysik des Schönen und Ästhetik; § 215;  Hübscher-Ausgabe: Bd 6, S. 461
2 Arthur Schopenhauer: Gesammelte Briefe. Hrsg. von Arthur Hübscher. Bonn: Bouvier 1978. S. 10
3 Rauschenberger, Walter: Schopenhauers Wohnungen während seines Lebens. In: Jb. 25, 1938, S. 289
4 Briefe, S. 95 f.
5 Briefe, S. 97