Kunst und andere Quellen reiner Erkenntnis

„Mit einem Kunstwerk muß man sich verhalten wie mit einem großen Herrn: nämlich sich davor hinstellen und warten daß es Einem etwas sage“.

Arthur Schopenhauer: Der handschriftliche Nachlaß. München: dtv 1985,
Bd. 1, Frühe Manuskripte (1804-1818), S. 151

Die königliche Gemäldegalerie

Das Gebäude am Dresdner Neumarkt, das zur Zeit von Schopenhauers Studien zu seinem Hauptwerk die königliche Gemäldegalerie beherbergte. Aus Haenel: Das alte Dresden. 1924

Für seine Studien nutzt Schopenhauer neben der königlichen Bibliothek vor allem die Dresdner Kunstsammlungen. Bereits 1814 notiert er in seinen Aufzeichnungen: „Mit einem Kunstwerk muß man sich verhalten wie mit einem großen Herrn: nämlich sich davor hinstellen und warten daß es Einem etwas sage“.

Seine ästhetischen Überlegungen, seine Gedanken über das Verhältnis von Wille und Erkenntnis finden ihre sprachlichen Bilder in den Gemälden der Galerie: „Die Kunst endigt also mit dem Gegentheil dessen damit sie anfieng, stellt erstlich alle Erscheinungen des Willens dar, zuletzt die des Nichtwollens aus Erkenntniß: z.B. Raphaels Madonna, Korregio’s Madonna mit dem Johannes, auch Vandyks heiliger Simon mit der Säge.“ 1 Es gibt in den Manuskripten aus dem Jahre 1815 mehrere Aufzeichnungen, in denen seine Meditationen über Raffaels Sixtinische Madonna eine Rolle spielen, so daß das Gedicht, das Schopenhauer 1851 in seinen Parerga und Paralipomena veröffentlicht und das er dort mit 1815 datiert, wirklich dem zeitlichen Kontext entspricht 2:

Johann Friedrich Wilhelm Müller: Kupferstich nach Rafaels Sixtinischer Madonna. Dresden 1816; Eigentum: Staatsgalerie Stuttgart/Graphische Sammlung, Quelle: Ruhr-Universität Bochum

Dresden 1815


Auf die Sistinische Madonna

Sie trägt zur Welt ihn: und er schaut entsetzt
In ihrer Gräu’l chaotische Verwirrung,
In ihres Tobens wilde Raserei,
In ihres Treibens nie geheilte Thorheit,
In ihrer Quaalen nie gestillten Schmerz, -
Entsetzt: doch strahlet Ruh’ und Zuversicht
Und Siegesglanz sein Aug’, verkündigend
Schon der Erlösung ewige Gewißheit.








Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena.
Bd 2, S. 693

Die Antikensammlung

In der Antikensammlung vergleicht er in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1815 die bacchantischen Szenen auf einem griechischen Sarkophag mit den symbolischen Bildern eines christlichen Sarges und sieht im scheinbaren Gegensatz nur zwei verschiedene Wege, sich über dasselbe Erschrecken vor dem Tode zu trösten:

Seit 1786 befand sich die Skulpturensammlung in zehn Sälen im Erdgeschoß des Japanischen Palais, dessen obere Stockwerke die Bibliothek beherbergte, zu der Schopenhauer regelmäßig ging. Aufnahme: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek

„Ein antiker Sarkophag, wie die 2 welche im Dresdner Antikensaal stehn, auf denen Bakchanalien dargestellt sind, tanzende und besonders wollüstige Gruppen, sogar ein Satyr, der eine Ziege befruchtet und überhaupt Darstellung des gewaltigsten Lebensdranges der Zweck des Künstlers gewesen ist, - ein solcher Sarkophag und ein christlicher Sarg, schwarz zum Zeichen der Trauer und mit dem Kruzifix darauf, bilden einen höchst bedeutenden Gegensatz. Beide wollen über den Tod trösten, beide auf ganz entgegengesetzte Weise und beide haben Recht. Der Sarkophag weist vom Tode des Individuums auf das endlose unsterbliche Leben der Natur zurück, und in dieser Zurückweisung liegt die Andeutung daß die ganze Natur die Erscheinung und auch die Erfüllung des Willens zum Leben ist ...“ 3

Einer der von Schopenhauer erwähnten römische Sarkophage der Dresdner Antikensamlung Mit freundlicher Erlaubnis der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden / Skulpturensammlung

Caspar David Friedrich

Auch die ihm zeitgenössische Kunst in Dresden bezieht er ein und führt 1815 Caspar David Friedrichs Landschaften in seinen Überlegungen über die objektive Betrachtung der Schönheit an:

Caspar David Friedrich: Blick ins Elbtal. (um 1807), Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Quelle: Wikipedia

„Daß auch das unbedeutendste als schön, d.h. rein Objektiv betrachtet werden kann, belegen die niederländischen Stillleben und einige Landschaften von Ruisdael und Friedrich, die nur wenige und ganz alltägliche Gegenstände darstellen. Schöner ist aber eins als das andre dadurch, daß es die reinobjektive Betrachtung erleichtert, sehr schön, wenn es gleichsam dazu zwingt: dies ist der Fall, wenn seine Theile ein sehr bestimmtes, durchaus bedeutendes und mannigfaltiges Verhältniß zu einander haben und dadurch eine sehr bedeutende viel sagende Idee ausdrücken...“ 4

Andere wissenschaftliche Einrichtungen

Das Kurländer Palais in Dresden, das seit 1815 die medizinisch-chirurgische Akademie beherbergte Quelle: SLUB / Deutsche Fotothek

- Die medizinisch-chirurgische Akademie

Obgleich Dresden damals über keine Universität verfügt, ist die Stadt doch reich an wissenschaftlichen Einrichtungen. Es gibt eine medizinisch-chirurgische Akademie, an der der auch als romantischer Maler bekannte Carl Gustav Carus tätig ist. Goethe gegenüber rühmt Schopenhauer sich, Heinrich David August Ficinius, Professor an ebendieser Akademie, für Goethes Farbenlehre gewonnen zu haben.

- Orangerie und botanische Gärten

Einen Botanischen Garten und eine Orangerie 5, beides hat in Dresden eine weit zurück reichende Tradition, nutzt Schopenhauer sowohl zu seiner Erholung, als auch für seine Studien: zwei Anekdoten sind da überliefert 6:

Zweig des Orangenbaues mit Blüten und Früchten, Quelle: Wikipedia

„Dann mochte es wohl geschehen daß er in der Orangerie mit den Blumen und Pflanzen ein Zwiegespräch führte, und der Gartenaufseher, dem das laute Sprechen und Gestikulieren auffiel, ihn fragte, ‚hören Sie, sagen Sie, mein guter Herr, wer sind Sie eigentlich?’ Worauf Schopenhauer: ‚Ja, wenn ich das nur erst selbst wüßte!’“ Ein andermal, es war im Frühling 1818, als er mit dem vierten Buch seines Hauptwerks beschäftigt war, kam er aus der blühenden Orangerie berauscht nach Hause und die Hauswirtin, die Blüten auf seinem Rock bemerkte, sprach ihn an: ‚Sie blühen, Herr Doktor’ worauf dieser erwidert‚ ‚ja, wenn die Bäume nicht blühen, wie sollen Sie dann Früchte tragen.’“

„Diese Gärten sind: der Palaisgarten [der das Bibliotheksgebäude umgibt], der Große Garten, der kurfürstliche Garten zu Pillnitz, und vorzüglich die Glashäuser des Orangegartens in der Allee, die nach Friedrichstadt führt [Ostraallee]. Bei diesem letzten hat Hr. Hofgärtner Seidel keine Mühe und Kosten gespart, die schönsten und seltensten Gewächse aus nahen und fernen Gegenden der Erde herbeizuschaffen und es ist darüber auch ein besonderer Katalog gedruckt worden, der als Muster eines Gärtnerkataloges verdient empfohlen zu werden.“

Krause, Karl Christian Friedrich, und Johann Carl Leberecht Albanus: Beschreibung der Königlich-Sächsischen Residenzstadt Dresden und der umliegenden Gegenden. Dresden: Walther 1807; Th. 2, S. 42 ff.

- Das Arnoldsche Museum in Dresden


Für eine Dresdner Institution können wir die Nutzung durch Schopenhauer nur vermuten, doch liegt diese Vermutung aus seinem späteren Verhältnis zu ähnlichen Einrichtungen in anderen Städten durchaus nahe. Der Dresdner Buchhändler Johann Christoph Arnold 7 hatte auf dem Dresdner Altmarkt, nahe bei der Kreuzkirche ein „Museum“ eingerichtet. Dieses enthielt:

  1. ein Musikalienkabinett, in welchem ein Pianoforte, Violinen, Flöten usw. sowie die neuesten Musikalien zur Unterhaltung für die Interessenten und zum Verkauf für Jedermann vorhanden sind.

  2. Das Sprechzimmer zur gesellschaftlichen Unterhaltung. Es sind darinnen die neuesten und besten Landkarten, die vorzüglichsten Wörterbücher, Kunst- und Zeitungslexika und die nötigen Schreibmaterialien zu Exzerpten anzu-treffen.

  3. Ein großes Lesezimmer wo in einem Büro unter einzelnen Rubriken die vor-züglichsten deutschen, französischen und englischen politischen und ge-lehrten Zeitungen, Journale und Zeitschriften über alle Branchen der Wis-senschaften und Künste und außerdem noch die interessantesten Flugschrif-ten, Taschenbücher und andere Werke des guten Geschmacks vorrätig sind.

  4. Einen Saal, in welchem eine Bibliothek von mehr denn zwanzigtausend Bänden der neuesten und vorzüglichsten Schriften über alle Wissenschaften in deutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache aufgestellt sind.
Das Arnoldsche Haus am Dresdner Altmarkt
Innere Ansicht der Arnoldschen Buchhandlung 1816
Beide Abbildungen aus: Hundert Jahre Geschichte der Arnoldischen Buchhandlung zu Dresden. Dresden 1890.

Man wird entweder zahlendes Mitglied des Museums oder kann gegen einzelne Gebühr ausleihen. Eine bessere Ergänzung zur königlichen Bibliothek läßt sich für Schopenhauers weitgespannte Interessen kaum denken. Lebenslang hält er an der vom Vater übernommenen Gewohnheit fest, täglich die großen internationalen Tageszeitungen zu lesen – findet er doch in den Politischen Nachrichten stets hinreichend Nahrung für seinen philosophischen Pessimismus. Auch zitiert Schopenhauer in seinen Dresdner Manuskriptblättern das „Journal des Luxus und der Mode“, das er weder selbst abonniert zu haben scheint, noch in der königlichen Bibliothek finden kann.

Dresden; Trinitatisfriedhof; Grabplatte des Buchhändlers, Foto: Stollberg

1 HN I, S. 314
2 Werke, Bd 6, S. 695
3 HN I, S. 335 f.
4 HN I, S. 250
5 vgl. Anm. 19:  Die Anekdoten spielen in „der Herzogin Garten“ an der Ostra-Allee oder in der Orangerie beim Dresdner Zwinger.
6 Gespräche, S. 41
7 Haenel / Kalkschmidt, S. 78 f.