„Dies alles habe ich, soweit ich auch gereist bin,
nirgends so schön vereinigt gesehn als in Dresden...“


Schopenhauer an Böttiger, am 24. April 1814

Arthur Schopenhauer und Carl August Böttiger

Für seinen Besuch in den Semesterferien 1812 hatte Arthur Schopenhauer die Bekanntschaft seiner Mutter mit dem Altphilologen und umtriebigen Chronisten Carl August Böttiger genutzt. Nach dem Abschluß seiner Doktorarbeit, als der Plan in ihm reifte, sich für unbestimmte Zeit in Dresden niederzulassen, versäumte er es nicht, ein Exemplar mit freundlich-höflichem Begleitschreiben nach Dresden zu schicken. Aus dem Brief geht hervor, daß der junge Philosoph sich die Dienste des Rezensenten Böttiger wünscht:

Carl August Böttiger UB Frankfurt M./ Schopenhauer-Archiv
Arthur Schopenhauer, Stich von O. Schulz nach einem Gemälde von L.S. Ruhl. Privatsammlung des Verfassers

Weimar, d. 6. Decbr. 18131

Verehrter Herr Hofrath! Da das Gerücht nicht meldet, daß Ihnen etwas besonders Trauriges zugestoßen sei, hoffe ich daß Sie den unglücklichen Zeitpunkt Dresdens überstanden haben, ohne mehr zu leiden als was die allgemeine Noth unabwendbar mit sich brachte.Ich nehme mir die Freiheit Ihnen eine Abhandlung zu überreichen, welch ich bei Gelegenheit meiner Promotion habe drucken lassen. Ich habe sie in Rudolstadt, wo ich den Sommer, von allem Getümmel durch die Berge getrennt, zubrachte, ausgearbeitet, in der Absicht sie der Berliner Universität zurückzubringen. Da der Rückweg aber gar zu lange gesperrt blieb, entschloß ich mich, sie der Jenaer Universität zu übergeben. Eben jene Bestimmung für die Berliner Fakultät ist der Grund warum sie, nach den Statuten jener, welch für eigentlich philosophische Abhandlungen die Teutsche Sprache ausdrücklich anempfehlen, Teutsch ist, welche Sprache überdies der Inhalt fast nothwendig erforderte, da sie seit Kant ausschließlich philosophische Sprache ist und das Lateinische den Gedanken große Gewalt angethan und dem Ausdruck Schärfe und Bestimmtheit genommen haben würde. Zudem öffnet die Teutsche Sprache der kleinen Schrift auch mehr den Zugang zum Publikum, wann es wieder ein philosophisches Publikum geben wird.In der Hoffnung vom Ihrem und der Ihrigen Wohlseyn bald völlig gewiß zu seyn und mit Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung empfiehlt sich Ihrem ferneren gütigen Andenken


Ihr
ergebener Diener
Arthur Schopenhauer

 

Die Nachrichten aus dem in der letzten Phase der Napoleonischen Kriege arg gebeutelten Dresden lassen für den Wunsch Arthur Schopenhauers, sich an der Elbe niederzulassen, einige Zweifel aufkommen. Böttigers Reaktion auf die Zusendung der Dissertation des jungen Philosophen muß jedoch ermutigend gewesen sein. So wendet sich Schopenhauer wieder um Rat und Hilfe an den Dresdner Bekannten:

Edme Bovinet: Die Schlacht bei Dresden am 25. und 26. August 1813, Wikipedia

Weimar, d. 24ten April 18142

Ewr Wohlgebornhaben sich vor einigen Monaten mit einem so schmeichelhaften Schreiben an mich gewandt, daß ich mich durch dasselbe hochgeehrt gefühlt und den Vorsatz erneuert habe den Erwartungen; welche Sie und andre günstig Gesinnte von mir hegen nach Kräften zu entsprechen. Die freundliche Gesinnung welche Sie, verehrter Herr Hofrath, darin gegen mich zeigen, macht mich so kühn Ihnen gegenwärtig mit einer Anfrage beschwerlich zu fallen. Der Rath nämlich, ... in Jena Vorlesungen zu halten, ist ohne Zweifel nicht nur wohlgemeint, sondern auch in vieler Hinsicht dienlich. Dennoch ist es nicht mein Plan ihn für jetzt zu befolgen. ... Allein da das Schicksal mir eine Gunst werden ließ, die es so vielen andern würdigeren Dienern des Apolls und der Athene oft so schnöde versagte, da es mir ein Vermögen schenkte von dessen Zinsen ich überall bequem leben kann; so will ich jene Gunst dazu benutzen, daß ich mich auf alle Weise zu meiner Bestimmung vorbereite und erst völlig ausgebildet und mehr herangereift meine eigentliche Laufbahn beginne. Demnach will ich noch einige Zeit dem eigenen ernsten Studium widmen und später die schönern Länder Europas durchwandern. Erst dann sollen die Lehrjahre vollendet und die Zeit des Lehrens da seyn....  Mein beß’res und eigentliches Leben ist mein philosophisches Studium, dem ist alles übrige tief untergeordnet, ja es ist nur eine kleine Zugabe dazu. Da ich aber wählen kann, wünsche ich mir einen Aufenthalt der mir schöne Natur, Gegenstände der Kunst und wissenschaftliche Hülfsquellen darbietet und mich auch die nöthige Ruhe finden läßt. Dies alles habe ich, soweit ich auch gereist bin, nirgends so schön vereinigt gesehn als in Dresden, und schon längst war es daher mein Wunsch dort ein Mal einen dauernden Aufenthalt nehmen zu können. Ich habe daher große Lust jetzt nach Dresden zu gehen. [Hervorhebung durch den Bearbeiter.]Meine nicht ganz kleine Büchersammlung, die größtentheils noch in Berlin liegt, könnte ich mit mäßigen Kosten dahin kommen lassen. Ein junger Freund, den ich außerordentlich liebe, und der mir aus Berlin hierher gefolgt und den Winter bei mir geblieben ist, ist bereit mit mir dahin, oder wohin ich sonst gehe, zu folgen, wenn gewisse Umstände deren Entscheidung wir in diesen Tagen gespannt entgegensehn es ihm möglich machen. Mein Entschluß nach Dresden zu gehn, wäre demnach gefaßt, wenn nicht erst einige Bedenklichkeiten zu heben wären, über welche mir Aufschluß zu geben eben die Bitte ist, die ich an Ew: Wohlgeborn wage. Ich vernehme nämlich hier über Dresden zwei ganz verschiedene Stimmen. Die eine sagt: die Gegend um Dresden hätte durch die Verwüstungen des Kriegs den größten Theil ihrer Schönheit eingebüßt, in der Stadt selbst wäre alles niedergeschlagen und beängstigt, dabei auch große Theurung. Die andre sagt: das Alles sey so schlimm nicht, es wäre wohl so gewesen aber meistens schon vorüber, zwar hätte durch die Abwesenheit des Hofes der Luxus etwas abgenommen, doch sei übrigens alles im Gang geblieben, die Gegend wäre auch noch an Ort und Stelle, und die Theurung hätte sich auch fast ganz wieder verloren. Auch ist man im Ganzen der Meinung, daß der König wieder nach Dresden kommt, in jedem Fall aber wird Dresden die Residenz eines Königs bleiben.  Ewr Wohlgeb. werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir, wenn auch nur in wenigen Worten, einige Auskunft über den gegenwärtigen und den zu erwartenden Zustand von Dresden, mit Rücksicht auf das, was ich, nach meiner Ihnen geschilderten Gesinnung und Absicht, daselbst suchen kann, zu geben die Güte haben wollen. ...

Ewr Wohlgeborn
ergebenster Diener
Arthur Schopenhauer Dr.P. S.


Meine Mutter empfiehlt sich Ihnen ergebenst.

Das inzwischen erfolgte endgültige Zerwürfnis mit der Mutter verschweigt Schopenhauer und nach einer offenbar beruhigend ausgefallenen Antwort Böttigers kommt er am 24. Mai in Dresden an. Die Hilfe Böttigers braucht er in mehrerer Hinsicht: Vermutlich vermittelt dieser Schopenhauer seine erste Dresdner Wohnung (möbliert, wie es der Heimatlose bis über sein 50. Lebensjahr hinaus pflegt), er ist gewiß der Bürge, den der Nicht-Dresdner für die Ausleihe von Büchern in der königlichen Bibliothek braucht und er führt ihn in die literarischen Kreise des Dresdner Liederkranzes, der abends in der italienischen Wirtschaft „Da Chiappone“ in der Schlossstrasse tagt. Dies letztere dankt der Spötter Schopenhauer schlecht, denn er verschont auch den alten Freund nicht mit seinen galligen Bemerkungen.

Dresden Neumarkt/ Ecke Rampische Gasse, SLUB / Deutsche Fotothek
Brief von Wilhelm Ganslandt vom 14. Juli 1814: Herrn Arthur Schopenhauer Dr. Neumarkts- und Rammpsche GaßenEcke 2 Treppen hoch No 647 Dresden, UB Frankfurt / Schopenhauer-Archiv

Er nimmt zunächst ein Zimmer am Neumarkt Ecke Rampische Gasse, um wenig später in die Große Meißner Gasse Nr. 35, in unmittelbarer Nachbarschaft der königlichen Bibliothek, umzuziehen.


1 Arthur Schopenhauer: Gesammelte Briefe. Hrsg. von Arthur Hübscher. Bonn: Bouvier 1978. S. 9
2 ebenda S. 10 f., für den Zweck dieser Seite stark gekürzt