Ludwig Sigismund Ruhl

*10. Dezember 1794 in Kassel †7. März 1887 in Kassel Maler, Graphiker, Akademieprofessor und Museumsdirektor in Kassel

Der Maler Ludwig Sigismund Ruhl lernt Artur Schopenhauer während seines Studiums an der Universität Göttingen kennen. 1814 kommt er, nach einem mehrmonatigen Kriegseinsatz, nach Dresden um an der Kunstakademie zu studieren. Zufällig trifft er seinen alten Studienfreund wieder, die Freundschaft erneuert sich und es entsteht ein Ölporträt, das den jungen Philosophen in der Zeit der Entstehung seines Hauptwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ zeigt.

Ludwig Sigismund Ruhl im hohen Alter Porträt von Louis Kolitz um 1884 Quelle: Schopenhauer-Archiv

 

Die Begegnung mit Arthur Schopenhauer bleibt für den später erfolgreichen Maler und Direktor der Kasseler Galerie ein so tiefes Erlebnis, daß er seine Erinnerungen an den Jugendfreund im hohen Alter von 88 Jahren einer Erzählung unter dem Titel „Eine Groteske“ anvertraut, die 1882 anonym in Kassel in kleiner Auflage erscheint. Dieser Erzählung ist ein „Note“ überschriebener Abschnitt eingefügt, in der der Verfasser seine Erinnerungen an seinen Jugendfreund präzise festhält:

Titelblatt des Exemplars aus dem Schopenhauerarchiv Quelle: Schopenhauer-Archiv

 

 

„Jetzt aber will ich Dich, mein guter Arthur, der Welt keineswegs so zeigen, wie du endlich bei der Erkenntniß ihres Elends und ihrer unsäglichen Leiden bitter geworden bist. Grad das Gegentheil habe ich im Sinn; meine Erinnerung führt mich vielmehr zu dem jungen, noch allerlei hoffenden Doctor Schopenhauer zurück, so wie ich ihm, nachdem wir beide Göttingen verlassen, in Dresden ganz unvermuthet hinter der Kreuzkirche wiederbegegnete, wo wir denn von da ab, trotz täglichen Streitens, unzertrennliche Gefährten wurden.
Wie viel ich deinem Umgang verdanke, habe ich erst Jahre lang nachher so recht einsehen gelernt. Vielleicht auch, daß du mir nichts hättest lehren können, wäre ich nicht für das Contagium deines Pessimismus schon vorher reif und prädestinirt gewesen.

 

Ich seh Dich noch im Geist unter all den Figuren auf der Brühl’schen Terrasse, hinter deren Erdendasein Zeit und Vergessenheit auch die letzte Spur schon verwehte.

Dresden Brühlsche Terrasse um 1850, anonym Quelle: Wikipedia

Da stehst du wieder vor mir mit der blonden, von der Stirn aufstrebenden Phöbuslocke, mit der sokratischen Nase, mit den stechend sich dilatirenden Pupillen, aus welchen gegen Kuhn und Kind, gegen Theodor Hell, Langbein, Streckfuß e tutti quanti der damaligen Dichtergrößen, die in Dresden le haute du pavé hielten, zerschmetternde Blitze fuhren. Ich war ganz Ohr bei euren Disputen, die mich zugleich ergötzten und unterrichteten. Dein Wissen zwang mich oft, den langen Weg aus der Pirna’schen Vorstadt über die Elbebrücke bis zum Schwarzen Thor hin und zurück zu machen. Wir saßen dann in deinem Zimmer, du mir vordocirend von dem und jenem, von den Erwartungen auf den Erfolg deiner Philosophie, von der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grund, worüber deine Mutter dich verspottend fragte, ob es eine Anweisung für Apotheker wäre? Wenn ich dann dir als Idiot meine Ansicht sagte, fiel das Quecksilber im Barometer deiner Achtung oft furchtbar tief und ebenso stieg es wieder zum Verwundern rasch, wenn ich dann und wann etwas herausblitzte, woraus du Veranlassung nahmst mir die eifervolle Frage vorzulegen: woher hast du das? Dann aber nicht minder schnell und unbefangen die Antwort erhieltest: von wem wohl als von dir selbst? Jedenfalls war das sehr unberufen und naseweis von mir, denn dieses Selbst kannte ich noch so wenig, wennschon ich wie jeder es mit mir unter Schmerzen herumtrug. Ich gewann sehr bei dir, wegen meines Grübelns ob der drei Fragen: Wer bin ich? Warum bin ich? Und wäre es nicht besser, ich wäre gar nicht? Ja als ich Dir einstmals den Gedanken vom Stammbaum und der Säge auslegte, blieb es mir nicht verborgen, wie du dir an deinem Schreibtische sogleich eine Notiz machtest. Dieser Gedanke, nun Wahrheit geworden, hat uns von der Schuld befreit, die Last des Lebens auch noch auf Andere zu übertragen.

Jetzt vergib mir meine Possen! Und nun da, lieber Freund, hast du meine Hand, falls sie für dich erreichbar ist.“


Dem Maler Ludwig Sigismund Ruhl verdanken wir das wichtige Porträt Arthur Schopenhauers, das ihn in seiner schöpferischsten und glücklichsten Lebensphase zeigt. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit um 1815 in Dresden, vielleicht aber auch erst 1819 in Italien bei einer Wiederbegegnung der beiden Freunde entstanden.

Ludwig Sigismud Ruhl in seiner Dresdner Zeit. Zeichnung von Carl Christian Vogel von Vogelstein. Quelle: Wikipedia
Arthur Schopenhauer in der Zeit der Entstehung und des Abschlusses seines Lebenswerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (zwischen 1815 und 1819) Quelle: Schopenhauer-Archiv

 

Ruhl behielt das Bild sein Leben lang bei sich. Der frühe Schopenhauer-Forscher Ludwig Schemann erhielt nach Ruhls Tod von dessen Familie den Auftrag, den Nachlaß des Malers, Dichters und Kasseler Museumsdirektors zu ordnen und erhielt von den Erben dieses Bild als Dank. Schemann gab es im Jahre 1926 für einen fairen Preis dem Frankfurter Schopenhauer-Archiv, wo es sich noch heute befindet.


Literatur:
- [Ruhl, Ludwig Sigismund:] Eine Groteske. [Cassel 1882] S. 60 ff.
- Gwinner, Wilhelm von: Schopenhauers Leben. 3., neugeordnete u. verb. Aufl. Leipzig: Brockhaus 1910. S. 113 ff.
- Schemann, Ludwig: Schopenhauer-Briefe. Sammlung meist ungedruckter oder schwer zugänglicher Briefe von, an und über Schopenhauer. Mit Anmerkungen und biographischen Analekten hrsg. Leipzig: Brockhaus 1893. S. 469 ff.
- Hübscher, Arthur [Hrsg.]: Arthur Schopenhauer. Gespräche. Neue, stark erw. Ausg. Stuttgart-Bad Canstatt: Frommann Holzboog1971. S. 36 ff.

Darüber hinaus finden sich im Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft zahlreiche wichtige Details sowohl zur Geschichte und Bewertung des Bildes als auch zum Verhältnis des Malers zum Philosophen. Umfangreicher Nachweise gibt es in den Bänden 1917, S. 20 ff. und 222; 1923-25, S. 256 und 269; 1926, S. 251 f.; 1927, S. 3329 und 330 ff.; 1929, S, 237.