Die Schopenhauers und Johann Gottlob von Quandt

Quandt Stempel

 

„Schopenhauer ist der einzige Freund, der mich auf meinem langen Lebenswege bis jetzt mit liebevoller Theilnahme begleitet hat und in allen Erinnerungen an die entscheidendsten und gehaltvollsten Augenblicke steht er, sei es als handelnde Person oder berathender Beobachter.“
Johann Gottlob von Quandt an David Asher, am 26. Dezember 1856

Die Anfänge

Caroline Bardua: Johanna und Adele Schopenhauer Quelle: Wikipedia

Daß sich der Titel dieses Beitrages nicht auf Arthur beschränkt, liegt darin begründet, daß die Anfänge der Beziehung bei der Mutter Johanna und der Schwester Adele liegen. Quandt kennt die beiden Weimarer Damen schon lange bevor er Arthur Schopenhauers Bekanntschaft in Dresden sucht. Am 12. August 1815 trauert Johann Gottlob Quandt in einem Brief an Johanna der schönen Zeit nach, die er mit den beiden Damen Schopenhauer in Karlsbad verlebt hat. Im Frühjahr des folgenden Jahres schreibt er schmeichelnd an Johanna. „wie gern wäre ich diesen Winter, wie wir es in Carlsbad verabredet hatten, nach Weimar gekommen, um mich Ihrer Leitung zu überlassen, die sie übernehmen wollten. Sie sehn wie ihr Wahlneveu [Wahlneffe, Anm. d. Verf.] aller glücklichen Stunden eingedenk ist, die in Carlsbad so schnell und freundlich dahingingen. …“ Am 16. November 1818 schwärmt er seine mütterliche Freundin an: „Die Frauen sind die wahren Vermittlerinnen zwischen Himmel und Erde. Wen sein Geschick unsanft berührt hat, der flüchte nur zu den Frauen, und in der Legende vmn Heiligen Sebastian wird erzählt, daß die Frauen heimlich die Pfeile aus den Wunden zogen und sanft seiner pflegten, bis der Heilige genas.“ Im selben Brief gesteht er: „mein ganzes Leben ist ein Sehnen nach Theilnahme, wie die Pflanze nicht ohne Licht und Wärme leben kann, so bedarf ich der Theilnahme guter Menschen. Sie fragen: lieber Quandt, wie fangen Sie es an, mit diesem Herzen durch die Welt zu kommen?...“ Es ist nicht auszuschließen, daß die Mutter Schopenhauer sich an dem jungen Quandt, der knapp ein Jahr älter als Arthur ist, und an seiner Verehrung ein wenig über den Bruch mit ihrem Sohn Arthur tröstet.

Eine Werbung und Vermittlungsversuche

Adele Schopenhauer Zeichnung A. von Sternberg Quelle: Schopenhauer-Archiv

Quandt hatte sich nicht nur den beiden Damen als aufmerksamer und galanter Begleiter erwiesen, er bemühte sich offenbar um Adeles Hand. Adele allerdings blieb in Bezug auf ihre Person spröde. Auf ihre Bitte hin bietet er Adele an, sich ihres Bruders Arthur in Dresden anzunehmen und eine Versöhnung zwischen Mutter und Sohn anzubahnen. In einem langen ausführlichen Brief berichtet er Adele am 26. Oktober 1818: „… So habe ich mich auch sehr viel mit Ihnen beschäftigt und nicht nur diese Zeichnung vollendet, sondern noch ein Versprechen erfüllt, dessen Sie sich vielleicht selbst nicht mehr erinnern, es bestand darin, daß ich mich bemühen wollte die Freundschaft Ihres Bruders zu erwerben. Sie hielten es für unmöglich, ja für nicht rathsam, und dennoch, wenn mich nicht meine Eitelkeit täuscht, so war der Erfolg meiner Bestrebungen über alle Erwartung glücklich. Ich glaube er liebt mich so sehr als es ihm möglich ist…“

Adele fühlt sich von diesem Brief überfordert: In ihrem Tagebuch liest es sich so: „4. November 1818. Quandt hat mir dieser Tage geschrieben, ein Brief, der mich sehr unglücklich macht. Er glaubt Arthur zu retten, liebt mich in ihm und wird, ohne jenem zu helfen, zugrunde gehen. Um mich! O Gott welches Mißverstehen der Herzen! Ich ließ ihm Glück wünschen, das ist doch nicht Sünde.“


Adele plant einen längeren Aufenthalt in Dresden um sich im Malen fortzubilden und wünscht sich, Arthur nach seiner Rückkehr aus Italien dort zu treffen. Am 5. Februar 1819 schreibt sie ihm in einem Brief nach Rom: Größtentheils danke ich der Mutter Erlaubniß, Dich gewiß zu sehen, Quandten. Ich wußte es wohl, daß Du ihn nicht liebtest; wir fühlen beide das Peinliche einer ganz unvollkommen gebliebenen Ausbildung und Richtung seines Wesens, es ist etwas ganz ungeordnetes, wildes in seiner Fantasie wie in seinem ganzen Leben... Mich ängstigte er früher oft ganz unbeschreiblich – dagegen rührt mich seine himmlische Güte des Herzens, seine Treue, seine Hingebung. So wird es Dir auch oft ergehen. Er zieht nach Dresden, dort werde ich ihn jeden Tag sehen, er wird mich fragen, ob Du ihn liebst – ich will ihm sagen, was wahr ist, daß Du ihm sehr gut bist; aber betrügen kann ich ihn nicht, er glaubt jedem meiner Worte.“

Ein Freundschaftsbeweis

Karl Christian Vogel von Vogelstein: Friedrich Arnold Brockhaus


Zwischen Johann Gottlob Quandt (geadelt wird er erst 1820) und Arthur Schopenhauer hat sich eine Freundschaft angebahnt, die, zunächst ohne gemeinsames philosophisches Interesse, nur auf der sich ergänzenden Gegensätzlichkeit beider Charaktere aufbauend, bis zum Lebensende beider anhalten wird.
Bedenkt man, mit welcher Besorgtheit Arthur Schopenhauer das Manuskript seines Lebenswerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ im Spätsommer 1818 dem Verleger Brockhaus übergibt, kann man ermessen, was für einen Vertrauensbeweis er selbst darin erblicken muß, wenn er dem Freund Quandt, der damals noch in Leipzig wohnt, den Auftrag erteilt, ihm die Druckbögen des Werks nach Italien nachzusenden und in Schopenhauers Namen den damit Bedachten die Autorenexemplare zusenden läßt. Schopenhauer schreibt an Brockhaus unmittelbar vor seiner Abreise nach Italien: „Über die mir gehörigen Exemplare auf schönem Papier hat meine Disposition Herr Quandt, der auch die Absendung der übrigen Aushängebogen nach Rom übernommen hat.“

Arthur Schopenhauer zur Zeit der Abfassung seines Hauptwerk. Stich nach dem Gemälde von L.S. Ruhl

 

 

Dieser übernimmt es dann auch, dem Verleger am 12. Februar 1819 den Dank des Autors zu übermitteln: „Ew Wohlgeboren zeige ich hiermit an, daß Freund Schopenhauer die Aushängebögen seines Werks erhalten und sich über den gelungenen Druck sehr gefreut hat…“

… und wieder Adele

Titelblatt der 1. Auflage

In den Tagebücher Adeles spiegeln sich die Veränderungen ihrer Beziehungen zu Quandt: Am 8. November 1818 scheint sie sich gegen das Gerücht, sie sei mit Quandt verlobt, zur Wehr zu setzen: „An Quandt schrieb ich, kann aber noch immer nicht schließen. Man wird so blöde durch das falsch Aufnehmen der Leute“. Am 9. Januar 1819 notiert sie: „Nachricht von des alten Quandts Tode, der junge nunmehr im Besitz von 300 000 Reichsthalern.“
Mit diesem Todesfall wird Quandt sowohl finanziell unabhängig, als auch von Leipzig frei. An Johanna Schopenhauer schreibt er am 4. Mai 1819 aus seiner bisherigen Heimatstadt: „… jetzt bin ich hier um mich von dieser Sandbank Leipzig loszuarbeiten. Unzählige Geschäfte warten meiner. Doch meine lieben Landsleute machen mir das Herz nicht schwer, dass ich sie verlassen will … Wie leicht es mir wird meine Vaterstadt zu verlassen, wo ich so wenig wahre Freunde habe!“
Quandt an Adele: „Vor allem aber muß ich die Pflicht gegen Freund und Freundin erfüllen und Ihnen, theuerste Adele, das Buch Ihres Bruders einhändigen. Sie übernehmen es wohl gefälligst, das zweite Exemplar Göthe zuzustellen, es war dies Ihres Bruders Wunsch … „
Adele teilt ihrem Bruder am 5. Februar 1819 nach Rom den Tod von Quandts Vater lakonisch mit: „Nun laß uns von Deinem Werke reden. Ich erhielt es vor kurzem. Quandts Vater ist todt, daher die Verzögerung…“ Die beiden Exemplare von Arthurs Werk, die mit der Post nach Weimar kommen sind: eines für Goethe und eines für Adele. Über die Aufnahme, die Arthurs Buch bei Goethe findet, ist Adele regelrecht begeistert: „Goethe empfing es mit großer Freude, zerschnitt gleich das ganze dicke Buch in zwei Theile und fing augenblicklich an darin zu lesen. Nach einer Stunde sandte er mir beiliegenden Zettel und ließ sagen: Er danke Dir sehr und glaube daß das ganze Buch gut sei.“

Quandts Heirat und seine Übersiedlung nach Dresden

Kirche zu Plauen bei Dresden. Privatsammlung des Verfassers

Am 1. April 1819 teilt Quandt Adele seine Verlobung mit: „Ihr Bruder pflegte meine Braut mit einer Sylphe zu vergleichen und sie hatte seinen Beifall, er ist ein Kenner des schönen Geschlechts.“ In der Dorfkirche zu Plauen bei Dresden heiraten am 2. Juni 1819 Johann Gottlob Quandt und Clara Bianca, Witwe des Geheimen Kriegsrats Low und Tochter des Dichters Meißner.
Adele ist über diese Verbindung zunächst froh und schreibt ihrem Bruder nach Italien: „… Quandt hat wahrscheinlich bis dahin Bianka v. Lon [richtig: Low] die Du kennst und einer Sylphe vergleichst geheirathet. Dadurch wird mir die Möglichkeit gewonnen in Dresden zu bleiben, denn die Tante Quandt, die mich sehr liebt, würde mich wohl aufnehmen. Ich konnte nicht bei Quandts wohnen, wenn er da, oder unverheirathet war weil man sehr über seine Neigung zu mir gesprochen, mich bereits sogar in Leipzig als seine Braut fetirt hat, und mich das immer ungemein gestört und betrübt hat. Ich konnte Quandten nie etwas anderes als eine theilnehmende Freundin sein, und bin daher sehr glücklich über diese Lösung des an sich sonst sehr klaren Verhältnisses. Ich schreibe ihm auch nicht nach Italien, weil es mich nichts kostet es zu unterlassen, es aber seiner Frau leicht fatal sein möchte.“
Die Tagebucheintragungen Adeles, die sich auf Clara Bianca beziehen, sprechen allerdings die Sprache gekränkter Eitelkeit, wenn nicht die der Eifersucht.

Die Damen Schopenhauer und das Ehepaar Quandt

Julius Schnorr von Carolsfeld Clara Bianca von Quandt 1820 Quelle: Wikipedia

Der von Adele geplante Aufenthalt in Dresden kommt so nicht zu Stande. Stattdessen sind Mutter und Tochter gezwungen, nach dem Zusammenbruch des Danziger Bankhauses Muhl, bei dem die Schopenhauers den größten Teil ihres Vermögens angelegt hatten, in die alte Heimatstadt zu reisen. Das dafür notwendige Geld leiht sich Johanna bei Freunden und Bekannten. Adele notiert: „Quandt hat geheirathet; an seinem Hochzeitstage erhielt der arme Mensch unsern Brief, er antwortete sogleich, sandte die Anweisung auf 800 Th.“
Quandt hilft mit diesem Betrag, dessen Erstattung er nie einmahnen wird. Bei dieser Reise halten sich Johanna und Adele in Dresden auf. Im Jahr darauf stellt Quandt sich mit seiner Frau in Weimar vor. Adele am 26. November 1820: „Sie, die Frau war mir durch Gerstenbergk bekannt – sie fand für gut, ihn nicht zu kennen. Gegen mich war sie sehr liebenswürdig, kurz, sie thut alles aus Klugheit, was eine andere vielleicht aus Gefühl thun konnte.“
Im Sommer 1821 treffen die Damen Schopenhauer das Ehepaar Quandt in Karlsbad: „Quandt kam, mit all seiner Liebe und Güte und Lächerlichkeit. Ich nahm mich jetzt so ehrlich dumm als die Frau pfiffig klug. Sie spricht immer von der Überredung, mit der sie ihn hierhergezogen, sie läßt mich nicht von Arm und Hand, um mich so festzuhalten.“
„Die brillante Equipage und die galonierten Bedienten scheinen der gnädigen Frau selbst noch gewaltig vielen Spaß zu machen, sie erinnert nur ein bißchen oft, daß sie ihr neu sind. Sehr naiv überlegt sie mit dem Kutscher, daß er und der Diener neue Hüte haben sollen, und dem Zuhörer will es schier sonderbar vorkommen , daß der Bediente immer mitspricht und mitlacht, wenn die gnädige Frau ein Späßchen macht. Wie schwer ist es, Reichtum auf eine liebenswürdige Weise zu zeigen!“
„Quandts tyrannisieren uns ein wenig, wir sind täglich mit ihnen, fahren oder gehen zusammen, sooft der Himmel nur regenlos ist. … Heute Abend war ich mit der Mutter fast heimlich davongegangen, um nur einmal ohne Quandts zu sein; immer weniger sagt mir Bianka zu.“

Im Dresdner Haus der Quandts

Haus und Garten des Herrn von Quandt in Neustadt Dresden Mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Bernd Heinrich, Dürrröhrsdorf-Dittersbach

Von Karlsbad reisen Johanna und Adele über Dresden, wo sie sich längere Zeit aufhalten und die Gastfreundschaft der Quandts in deren geräumigem Haus in der Klostergasse am rechten Ufer der Elbe genießen, das über eine beträchtliche Kunstsammlung verfügt und zum Fluß hin einen schönen Garten hat. Sie treffen mit dem alten Freund der Familie, Carl August Böttiger zusammen, nehmen an den Gesellschaftsabenden teil, bei denen Adele ihre Begeisterung für die Lesungen Ludwig Tiecks entdeckt. Ihr Tagebuch vom 27. August 1821: „Mittag bei Quandt mit Böttiger... Abends bei Quandt – Tieck las vor, den „Sommernachtstraum“.
Zwei Tage später: „Mittags mit Tieck bei Quandt gegessen – es waren noch viele da, ich sah das schöne Haus, ich sprach mit allerlei Leuten, mit Hasse, z.B., aber eigentlich fühlte, sah und dachte ich nur Tieck, der unendlich heiter, liebenswürdig war. Ich komme eigentlich nicht zu Atem, nicht zu Gedanken, aber nur für ihn tut es mir leid, nur ihm möchte ich gefallen, und doch bin ich furchtsam wie ein Kind in seiner Nähe. Vor Tische mit Quandt die Ausstellung flüchtig besehen, wenig vorzügliches, von seinen Bildern gefällt mir am besten eine Katharina von … [hier bricht der Text ab]“
Seine umfangreiche Kunstsammlung zeigte Quandt mit einer Großzügigkeit und Freundlichkeit, die an die Sammler des Renaissancezeitalters erinnert und für die Quandt sicher auf seinen Reisen Vorbilder gefunden hatte. 1824 ließ er ein sorgfältig erläutertes Verzeichnis drucken: Verzeichniss von Gemälden und anderen Kunstgegenständen im Hause des J.G.v.Quandt zu Dresden.
Bis zum 1. September sind die beiden Schopenhauer-Damen täglich bei Quandts: „Abend grand thé bei Frau von Quandt, viele Leute, Musik, Fräulein Pechwell, außerordentlich auf dem Pianoforte, Vortrag und Fertigkeit zu loben … Er [Hartmann] erzählte viel Hübsches, dann sprachen wir sehr ernst über Quandt, der – der Gott der Träume mochte ihn befallen haben – nachts um elf Uhr auf der Brücke herumlief, um uns zu begegnen!... 31. August, Mittags bei Quandt, nachmittags Abschiedsvisite bei Tieck.“

Biographische Notizen von und über Arthur Schopenhauer

Julius Schnorr von Carolsfeld, Johann Gottlob von Quandt 1820 Quelle: Zeno.org, während der Hochzeitsreise in Italien

Die Korrespondenz zwischen Johann Gottlob von Quandt einerseits und Johanna und Adele Schopenhauer in Weimar bleibt lebendig. Durch Quandt erfährt die Schwester einiges über Befinden und Zustand ihres Bruders. Quandt hat den Freund nach der Rückkehr von dessen zweiter Italienreise in tiefer Krise erlebt, im Herbst 1825 schreibt er an Adele: „… Noch einige freundliche ernste Worte über Ihren Bruder, den ich sehr lieb habe. Er ist gegenwärtig nicht mehr in Dresden. Es kann wohl schon über ein halbes Jahr seyn, daß er nach Berlin zurückgekehrt ist. Er ist auffallend älter geworden und sehr stark, was jedoch kein Zeichen von Gesundheit zu seyn scheint. Auch von seiten seines Gemüths glaube ich ihn gealtert gefunden zu haben, ohne daß ich es Reife nennen möchte. Es ist schade daß Ihr Bruder so ganz sich selbst nur lebt und leben kann... Noch ist ers nicht, aber er läuft Gefahr, daß sein ganzes Wesen in einem starren Egoismus versteinert, wenn er nicht einen Gegenstand außer sich lieben lernt. Er würde freilich über diese Philosophie spotten, weil er den Dingen außer sich alle Realität abspricht. Ich kenne den Grund Ihrer Entzweiung mit ihm nicht; aber sollte die liebevolle Schwester, selbst wenn sie Recht zum zürnen hätte, nicht zuerst gern die Hand der Versöhnung reichen? da er sehr einer sanften Hand bedarf, die ihn liebend trägt, hält und hebt. Vergeben Sie, wenn ich Ihnen weh gethan und erkennen Sie auch daraus daß ich mit wahrer Hochachtung bin Ihr aufrichtiger Freund Quandt.“
Reichlich ein Jahr später, am 16. Dezember 1826 ist Quandts Schreiben dann wieder deutlich optimistischer: „Ich war vor kurzer Zeit in Berlin und habe Ihren Bruder oft gesehn. Er scheint wohler zu seyn als vor einigen Jahren, was mich herzlich erfreute. Auch diesmal hat er seine anziehende Kraft auf mich ausgeübt und ich hege nur den Wunsch, daß er ein Zehntheil der Neigung zu mir hat, wie ich für ihn, denn ich habe ihn sehr lieb. Natürlich wünsche ich ihn nun auch recht glücklich zu wissen, und zu seinem Glücke fehlt ihm bloß ein Gegenstand, von dessen völlig uneigennütziger Liebe er überzeugt seyn und an den er sich mit vollem Vertrauen hingeben könnte.“
Es ist dies die Zeit in der Schopenhauer seine Hoffnung auf Erfolg seines Buches, auf eine akademische Laufbahn in Berlin aufgegeben hat, als ihn ein lästiger, sich endlos hinziehender Prozess wieder nach Berlin zwingt, es ist die Zeit in der er Berlin zu hassen beginnt: „… diese große, gedrängte unruhige Stadt, mitten in einer furchtbaren Sandwüste, unter nordischem Himmel.“

Quandt in Dittersbach – Schopenhauer in Frankfurt

Belvedere auf der Schönen Höhe. Aufnahme des Verfassers

Während Schopenhauer 1831 resigniert Berlin den Rücken kehrt und, nach einem Zwischenaufenthalt in Mannheim, sich für den Rest seines Lebens in Frankfurt am Main niederläßt, gibt die Familie Quandt sich einen neuen zusätzlichen Lebensinhalt: 1830 erwirbt Johann Gottlob von Quandt Schloß und Gut Dittersbach und beginnt mit einer tiefgreifenden Umgestaltung von Gebäude, Park und umgebender Landschaft. Er legt Wege am Bach und durch den Wald so an, daß sie dem damaligen Ideal einer empfindsamen Naturbegegnung entsprechen. Die Schöne Höhe krönt er mit dem Belvedere genannten Turmbau, dem ersten begehbaren Goethemonument. Der Grundstein dazu wird noch zu Goethes Lebzeiten, 1831, gelegt.

 

 

 

 

 

Schloß Dittersbach mit Blick auf die Schöne Höhe mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Bernd Heinrich

Mit der völlig neuen Lebenssituation setzt er sich in ökonomischer, politischer und pädagogischer Leidenschaft auseinander. Der Romanist Johann Georg Keil schreibt an Arthur Schopenhauer über den gemeinsamen Freund: „Von unserem Freund Quandt kann ich Ihnen nur Erfreuliches berichten. Er hat sich jetzt von seinen fürchterlichen Beinbrüchen so erholt, daß er weite Strecken gehen und reiten kann. Seit Jahren hat er sich in der Mitte der Sächsischen Schweiz, bei Stolpen, ein schönes Gut gekauft, wo er den größten Theil des Jahres zubringt, was ihm umso leichter wird, da Dresden nur einige Stunden entfernt ist. Zu Anfang dieses Jahres hat er sich noch zwei an jenes grenzende Güter dazu gekauft, und hat die wunderliche Idee, diese beiden Güter selbst zu bewirtschaften.“

 

 

Johann Gottlob von Quandt ein regelmäßiger Gast in Frankfurt …

Arthur Schopenhauer Daguerreotypie von 22. August 1845 UB Frankfurt Schopenhauer-Archiv


Trotz seiner weitverzweigten Tätigkeit in Dresden und auf seinen Gütern rund um die Schöne Höhe setzt Quandt seine ausgedehnten Kunstreisen nach Italien, nach Frankreich, nach Spanien und, was für diese Zeit ungewöhnlich ist, nach Skandinavien, fort. Stets aber nimmt er seinen Weg über Frankfurt um den Jugendfreund dort zu besuchen.

 

 

 

 

 

Frankfurt am Main, Schöne Aussicht 16 und 17, Schopenhauers Wohnungen UB Frankfurt, Schopenhauer-Archiv

Die heute nahezu entwertete Sitte, Reisenden Grüße an den fernen Freund mit auf den Weg zu geben, wurde noch sehr ernst genommen. Schopenhauer bittet Quandt einen alten Bekannten aus dem Kreis der Dresdner Abendzeitung zu grüßen, dem er offenbar noch immer die ‚Rettung aus einer pikanten Affäre‘ dankt: „Wenn Sie irgend Gelegenheit haben, bitte ich inständigst, meinen guten, lieben, treuen, alten Schulz-Friedr: Laun aufs herzlichste zu grüßen und meinen Dank zu bestellen, für die freundliche Erörterung über mich die er, vor ungefähr einem Jahr in den Brockhausischen Konversations-Blättern gegeben hat.“ Seinem jugendlichen Freud Carl Georg Bähr trägt er auf: „… Sollten Sie vielleicht mit meinem alten Jugendfreund, dem Hrn v. Quandt zusammentreffen: so bitte ich ihm meinen herzlichen Gruß zu bestellen, wie auch, daß sein Sohn kürzlich bei mir vorgesprochen hat, als ich leider nicht zu Hause war.“
Quandt dankt Schopenhauer: „ daß auch Sie meiner oft gedenken, beweisen die Grüße welche mir Reisende überbrachten. Daß der Architekt welchen Sie mit Grüßen beauftragten, mich nicht in Dresden antraf bedaure ich sehr, allein mein eigentlicher Wohnort ist jetzt Dittersbach.“

… und eine späte Erleuchtung

Frankfurt am Main 1848: Die Ermordung des Fürsten Lichnowsky und des Grafen Auerswald Quelle: Wikimedia

Im Revolutionsjahr 1848 liest Quandt endlich das Buch, das er seit 1818 als Geschenk des Autors besitzt und um dessen Versendung er sich damals bemüht hatte.
In einem zwölfseitigen Brief setzt er sich am 19. Januar1849 enthusiastisch mit Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ auseinander und am 28. Januar, gleichsam postwendend antwortet der Autor aus Frankfurt: „Wie sehr muß es mich freuen, mein werther Herr von Quandt, daß endlich meine Philosophie auch Ihnen einiges Interesse abgewonnen hat, und dies zu einer Zeit, einer wahren Schwerenothszeit, da keiner mehr ein Buch aufmacht, sondern nichtswürdige Zeitungen das Monopol gelesen zu werden usurpirt haben. Vielleicht haben Sie Zerstreuung von der Allerweltsteufelei gesucht; wie ich denn auch bewundern muß, daß Sie im verlaufenen Jahr gelassen nach München gereist sind, Bilder zu besehn! Ich habe zuletzt den politischen Kampfplatz in meiner Ihnen wohlbekannten Studierstube gehabt, als welche von 20 Stockböhmen besetzt wurde, die von da aus auf die Barrikaden schießen wollten. Welche angenehme Diversion für einen Philosophen! Der Himmel befreie uns von aller Freiheit... “
Und, zum Anlaß zurückkommend, fährt er fort: „… Ihre extensive Polemik zu beantworten müßte ich noch ein Buch schreiben: aber glücklicherweise ist es schon geschrieben, nämlich der 2te Band zum ersten: denn dieser erste ist ja der nämliche, den ich vor 30 Jahren Ihnen verehrt habe. Der 2te gefällt allen Leuten viel besser und ist die Arbeit reiferer Jahre: der wird viele Ihrer Skrupel und Zweifel beseitigen.“

Resignation ?

Original in der UB Frankfurt am Main, Schopenhauer-Archiv

Quandt an Schopenhauer am 12. Januar 1857:


„Kaum hätte ich geglaubt, daß es mir
jemals und selbst im Winter, so auf dem Lande
befallen würde, denn mannigfaltige gesellige
Berührungen gehörten vormals zu meinen
Lebensbedürfnissen, jedoch bin ich im Umgang
mit Menschen nicht mehr so genügsam und
duldsam wie vormals….

Diana im Schloßpark von Dittersbach. Aufnahme des Verfassers

Erkenntnis des Willens

Aus dem oben zitierten Brief vom 12. Januar 1857


… Aber auch jeder einsame Spaziergang in
meinen tiefen Thälern & Wäldern führt mich zu
Beweisen Ihres Systems hin, denn an den Bäumen
ist Instict, also Wille zu seyn & zu leben unver=
kennbar, wenn es auch bei diesen schlummernden
Wesen nicht zum Wissen des Zwecks kommt,
warum die Pflanze etwas thut.“

 

Stele am Eingang eines der Spazierwege Quandts in Dittersbach, aufgerichtet vom Quandt-Verein. Aufnahme des Verfassers

Eine letzte gegenseitige Ehrbezeigung (1)

Julius Lunteschütz: Arthur Schopenhauer


Johann Gottlob von Quandt an Arthur Schopenhauer am 8. April 1856 an Arthur Schopenhauer:
„ Mein theurer alter Freund.
So eben habe ich Ihr Bildnis erhalten und streite mich mit dem mir unbekannten Künstler, der Sie nicht so aufgefaßt hat, wie ich mir Sie denke, aber freilich ist sehn & jemanden denken etwas ganz anderes …“

 

 

 

 

 

Im weiteren Text läßt sich Quandt ganz prinzipiell und ausführlich über seine Vorstellungen von Porträtmalerei aus und zieht auch Meinungsäußerungen seiner Frau, die Schopenhauer offenbar nur als jungen Mann in Erinnerung hat, heran. Wir wissen, daß Schopenhauer seinem Freund eine Arbeit seines Frankfurter Porträtisten Jules Lunteschütz geschickt hat. Das Bild jedoch ist verloren, so daß wir nicht sagen können, ob es eine Zeichnung, eine Lithographie oder ein Ölbild war.

Eine letzte gegenseitige Ehrbezeigung (2)

Erinnerungstafel auf dem Friedhof bei der evangelischen Kirche

Im oben zitierten Brief dankt Quandt dann auf seine Weise: „Anstatt Ihnen viel von mir zu schreiben, übersende ich mein Bildniß …“
Leider läßt sich nicht mehr feststellen, ob es sich um eine größere künstlerische Arbeit, um eine Daguerreotypie oder um eine Photographie handelte. Sein Brief, der das letzte bekannte Schreiben an Arthur Schopenhauer ist, schließt:
„Und so leben Sie denn recht wohl, gedenken Sie Ihres Freundes, der morgen seinen
ein & siebzigsten Geburtstag feiert & mit wahrer Hochachtung & Zuneigung bleibt Ihr ergebener vQuandt“

 

Hauptfriedhof zu Frankfurt am Main, Grabplatte Arthur Schopenhauers


Johann Gottlob von Quandt starb am 19. Juni 1859 in Dresden
Arthur Schopenhauer starb am 21. September 1860 in Frankfurt a.M.

 

 

 

Als Anhang einen Brief Johann Gottlob Quandts an Arthur Schopenhauer über ein Porträt von Jules Luteschütz und über Porträtmalerei überhaupt


Wichtige Literatur:

-    Arthur Schopenhauer: Sämtliche Werke. Hrsg. von Paul Deussen. München: Piper 19XX, Bde 14-16, Der Briefwechsel Arthur Schopenhauers, Bde 1-3, 1929-1942.
-    Arthur Schopenhauer: Gesammelte Briefe / Hrsg. von Arthur Hübscher. - 2., verb. u. erg. Aufl.. - Bonn: Bouvier, 1987. - XII, 732 S.
-    Arthur Schopenhauer: Gespräche/ Arthur Schopenhauer. Hrsg. von Arthur Hübscher. - Neue, stark erw. Ausg. - Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann, 1971. - 432 S.
-    Adele an Arthur Schopenhauer. Unbekannte Briefe. [Eingeleitet und herausgegeben ) von Arthur Hübscher. In: Schopenhauer-Jahrbuch. T. 1: , 1977, S. 133-186; T. 2: 1978, S. 110-165; T. 3: 1979, S. 181-240.
-    Schopenhauer-Adele: Tagebücher. Hrsg. von Kurt Wolff. Leipzig: Insel 1909. 2 Bde

Zu den biographischen Daten Johann Gottlob Quandts siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Gottlob_von_Quandt

Weitere Informationen zu Johann Gottlob von Quandt siehe:
http://www.quandt-verein.de