Karl Christian Friedrich Krause und Arthur Schopenhauer

zwei „Selbstdenker“ in Dresden

Karl Christian Friedrich Krause 1781-1832
Arthur Schopenhauer 1788-1860

Weder in Arthur Schopenhauers gedruckten Schriften, noch in seinen nachgelassenen Manuskripten, noch in den erhaltenen Briefen taucht der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause namentlich auf. Dennoch waren die persönlichen Kontakte beider intensiv und, vor allem für Schopenhauer, anregend.

Das Eckhaus Große Meißner Gasse 35 nach einer Zeichnung aus den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts

In einem Haus

„Schopenhauer wohnte von 1814 bis 1816 in der Großen Meißnischen Gasse 35 III; in diesem Gebäude, wo die Dresdner Großloge Asträa ihre Versammlungen hielt, hat die kinderreiche Familie Krause von Michaelis 1815 bis Ostern 1817 und nach neun Monaten zum zweiten Mal gewohnt, und zwar bis Michaelis 1818. Nach dem früheren Besitzer nannte man es um 1816 noch das Calenbergsche Haus, dann das Schmidtsche, nachdem es Schmidts Erben gehörte. Es stand an der Ecke, wo die große Meißner Straße an dem Platz vor dem Japanischen Palais endete. Als Nr. 35 ist das Eckhaus auf alten Stadtplänen und im Grundbuch bezeichnet. Das Gebäude, das eine Schopenhauer-Gedenktafel trug, fiel bei der Zerstörung Dresdens in Schutt und Asche.“

Kurt Riedel: Schopenhauer bei Karl Christian Friedrich Krause In: Schopenhauer-Jahrbuch; 1956, S. 15-21

Nachgewiesen ist, daß Schopenhauer Bücher aus seinem Besitz an Krause ausgeliehen hat. In einem Brief hat Carl Erasmus Krause, einer der Söhne des Philosophen, seinem Vater mitgeteilt, daß Dr. Schopenhauer am Sonnabend [den 19. September 1818] dagewesen sei, sein Buch abzuholen und daß er den Wunsch geäußert habe, mit dem Vater zu sprechen. Am folgenden Tag ist Schopenhauer zu seiner ersten Italienreise aufgebrochen.

Hausunterricht für Bürgerkinder zur Biedermeierzeit (um 1820) Quelle: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern

Über Arthur Schopenhauers mündliche Ausdrucksweise

 

Bevor Krauses Söhne in die Dresdner Kreuzschule eintraten, unterrichtete der Vater sowohl die beiden Knaben Carl Erasmus und Wilhelm als auch deren Schwester Sophie auf seine höchst eigenwillige und anspruchsvolle Weise zu Hause allein. Im Unterrichtsheft Wilhelms ist eine charakterisierende Namensnennung Schopenhauers überliefert: Krause behandelt mit seinen Kindern August Wilhelm Schlegels Vorlesung über philosophische Kunstlehre aus dem Jahre 1798. Im Abschnitt über poetische Prosa geht es um das Verhältnis von natürlicher und künstlerischer Poesie, um den Unterschied zwischen ‚Büchersprache‘ und gesprochenem Wort.  In diesem Zusammenhang notiert der Schüler:

„Schöne Prosa bildet sich auch mündlich in schöner Gesellschaft, doch darf man auch nicht zu methodisch (und) pedantisch verfahren. Schlegel sagt, man soll nicht so reden wie ein Buch, und das ist wahr (z.B. Schopenhauer)‘.“

Kurt Riedel: Schopenhauer bei Karl Christian Friedrich Krause In: Schopenhauer-Jahrbuch; 1956, S. 17

Dieser Satz hat im Unterricht nur Sinn, wenn die Kinder Krauses Schopenhauer schon oft haben reden hören – und dies vermutlich in Krauses menschenvoller kleiner Wohnung.

Der Mittelrisalit des Japanischen Palais in Dresden. Foto: Bertha Zillessen (um 1920). Privatsammlung

In der königlichen Bibliothek

„Im Sommer 1817 ging Krause als Reisebegleiter des Fabrikanten Tamnau nach Italien und Paris. An sich bestand die Möglichkeit, daß Krause und Schopenhauer schon vorher in der Bibliothek miteinander bekannt werden konnten; denn der Schrank mit der Aufschrift „Indien“ zog sie beide an. Im letzten Vierteljahr 1817 aber forschte Krause täglich zwei Stunden in der großen öffentlichen Bücherei. Er hatte in Paris Sanskritschrifttum in Dewanagari-Zeichen kennengelernt, das in Deutschland noch nicht bekannt war, und erwartete aus London mehr davon. Als er nun wieder Schopenhauers Weg vor oder in dem Japanischen Palais kreuzte, mußten doch wohl die beiden, die einzigen in Dresden, die Indien mit der Seele suchten, miteinander ins Gespräch kommen. Jeder war tief beeindruckt von den Upanischaden, wie sie Anquetil Duperron lateinisch aus einer persischen Übertragung dem Abendland unter dem Titel „Oupnek’hat“ vorgelegt hat.“

Kurt Riedel: Schopenhauer bei Karl Christian Friedrich Krause. In Schopenhauer-Jahrbuch, 1956, S. 18

 

Indien im Blick (1)

Karl Christan Friedrich KrauseArthur Schopenhauer

„Daß die Wieder-vereinigung der europäischen Völker  mit den Indern und mit der Inder Wissenschaft und Kunst eine Wichtigere Veränderung (d.h. dieselbe in höherer Stufe) veranlassen werde, als die sogenannte Wiederherstellung der Wissenschaften nach Eroberung von Konstantinopel durch die Türken, habe ich schon im Jahre 1807 gedacht und noch klarer im Jahre 1814, wo ich noch genauere Kenntnis des indischen Bücherwesens erlangte.

[Später, im Jahre 1819, fügt Krause diesem Text eine Fußnote hinzu:] Diesen Gedanken habe ich dem Dr. Schopenhauer im Jahre 1817 mitgeteilt, der ihn nun in seinem Buche: Die Welt als Wille und Vorstellung hat drucken lassen.“

Ist er aber gar noch der Wohlthat der Veda’s theilhaft geworden, deren uns durch die Upanischaden eröffneter Zugang, in meinen Augen, der größte Vorzug ist, den dieses noch junge Jahrhundert vor den früheren aufzuweisen hat, indem ich vermuthe, daß der Einfluß der Sanskrit=Litteratur nicht weniger tief eingreifen wird, als im 15. Jahrhundert die Wiederbelebung des Griechischen: hat also, sage ich, der Leser auch schon die Weihe uralter Indischer Weisheit empfangen und empfänglich aufgenommen; dann ist er auf das allerbeste bereitet zu hören, was ich ihm vorzutragen habe. Ihn wird es dann nicht, wie manchen andern fremd, ja feindlich ansprechen; da ich, wenn es nicht zu stolz klänge, behaupten möchte, daß jeder von den einzelnen und abgerissenen Aussprüchen, welche die Upanishaden ausmachen, sich als Folgesatz aus dem von mir mitzutheilenden Gedanken ableiten ließe, obgleich keineswegs auch dieser schon dort zu finden ist.

Karl Christian Friedrich Krause. Anschauungen 1891. Bd 2; S. 270

Die Welt als Wille und Vorstellung Leipzig 1819 [d. i. 1818]; Vorrede

 

Indien im Blick (2)

Karl Christan Friedrich KrauseArthur Schopenhauer
Anquetil-Duperron
Abraham Hyacinthe Anquetil-Duperron (1731-1805) Quelle:
Wikipedia
„Unter den außerchristlichen mystischen Schriften setze ich die Vedams der Hindu obenan, woraus wir einen gehaltvollen Auszug haben im Oupnekhat (secretum tegendum), welches Anquetil du Perron in zwei Bänden herausgegeben; ein Werk, welches an Tiefsinn unseren tiefsinnigsten wissenschaftlichen Werken zum mindest nicht nachsteht, ob es gleich nicht in strengwissenschaftlicher Form erscheint …“
Titelblatt des Oupnek’hat Schopenhauers Handexemplar UB Frankfurt/ Schopenhauer-Archiv
„Denn wie athmet doch der Oupnekhat durchweg den heiligen Geist der Veden! Wie wird doch Der, dem, durch fleißiges Lesen, das Persisch-Latein dieses unvergleichlichen Buches geläufig geworden, von jenem Geist im Innersten ergriffen, wie ist doch jede Zeile so voll fester zusammenstimmender Bedeutung! Und aus jeder Seite treten uns tiefe, ursprüngliche, erhabene Gedanken entgegen, während ein hoher, heiliger Ernst über dem ganzen schwebt. Alles athmet indische Luft und ursprüngliches, naturverwandtes Daseyn!
… Es ist die belohnendste und erhebendste Lektüre, die (den Urtext ausgenommen) auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens seyn.“
Krause an seinen Vater am 14. Dezember 1815

Parerga und Paralipomena, Bd 2, Einiges zur Sanskritliteratur. § 184

 

Quietismus und Mystik

Karl Christan Friedrich KrauseArthur Schopenhauer


François Fénelon (1651-1715) Quelle:
Wikipedia

„Eine der gehaltreichsten mystischen Schriften ist Fénelon, Exposition des maximes des saints sur les voyes internes, … Fénelon war Freund der frommen Mystin Guyon, deren Schriften sehr tiefsinnig, liebinnig und herzerhebend sind… Mein Wissenschaftbau stimmt mit der Grundlehre der Mystiker völlig überein“


Jeanne Marie de Guyon
(1648-1717) Quelle:
Wikipedia

„Was es heißt, den Willen zum Leben aufgeben wird von mir trocken und philosophisch gelehrt; die Ausführung dieser Lehre kann man lernen aus der Beschreibung der Saniassi und Heiligen in Indien, und aus den Biographien heiliger Seelen unter den Christen, von denen es mehrere Sammlungen giebt: besonders ausführlich und den Gegenstand erschöpfend ist die Selbstbiographie der Mad: de Guyon: jeder Edelgesinnte wird, indem er diese wahrhaft heilige Frau kennen lernt, den tiefen Aberglauben in dem ihre Vernunft befangen war, übersehn als zufällige Beimischung.“
Krause an seinen Vater am 14. Dezember 1815Dresdner Manuskripte 1817; in: Der Handschriftliche Nachlaß, Bd 1, S. 472 f.

Arthur Schopenhauer entleiht Fénelons Werk über die Heiligen vom 21.März bis 12. April 1817 und dessen Lebensbeschreibung der Madame Guyon vom 7. Mai 1817 bis 2. Januar 1818 von der königlichen Bibliothek.


Die Unzeitgemäßen

In der ihnen zeitgenössischen akademischen Welt erreichten Krause wie Schopenhauer zwar die Lehrbefähigung und den Rang eines Privatdozenten, blieben aber zu ihren Lebzeiten und darüber hinaus ohne den Erfolg an deutschen Universitäten, der ihrem Denken zugekommen wäre.

Karl Christan Friedrich Krause auf dem Totenbett, Lithographie von H. Dragendorff Quelle: Wikipedia

 

Anhang: Bruchstücke aus Krauses Tagebüchern

Eigenhändige Inhaltserschließung der Tagebücher durch den Herausgeber Paul Hohlfeld im Exemplar der Sächsischen Landesbibliothek Dresden


Die Welt ist ein Drama Gottes

„An der Zeit wäre es, eine Schrift zu arbeiten von dem Einflusse der indischen Bildung auf das Leben der abendlandlichen Völker und der ganzen Menschheit, nämlich dem Einfluß in Vorzeit, Nunzeit und Kommzeit, mit Warnungen!
(5. Oktober 1817.)“

1817; Anschauungen 2; S. 42

 

„Unwissenheit (audia der Brahmanen) ist nicht der einzige Quell des Bösen, aber der vorwaltende; daher ohne Wissenheit, d.i. ohne Orschaun und Omschaun, keine Besserung …“

1817; Anschauungen 2; S. 94

„Könnte irgend etwas Gutes dadurch erreicht werden, dass man mich nicht nennt, gar nicht bemerkt, auf Erden ganz vergisst, oder mich schändet, mordet u.s.w.: so wäre ich dieses aus Herzensgrunde zufrieden, so wie bisher ich wirklich es gewesen bin. Denn ich bin mir nur soweit etwas werth, als ich wesenähnlich bin und als Werkzeug Gottes und der Menschheit Wesenlebliches (Gutes) in mir selbst und um mich her mitbewirke.“

1817, Anschauungen 2; S. 196

Aus Arthur Schopenhauers Handexemplar des Oupnek’hat (1): Om


Die Vedam sagen: Wer Om schaufühlwill, wird all seiner Wünsche teilhaftig. Allerdings weil alle Wünsche ihm schwinden, weil er nicht mehr wünschest, d.i. an nichts mehr mit der leisesten Begierde denkt.“

1817, Anschauungen 2; S. 208


„Die Befreiung der Inder ist mit der Befreiung der Völker Europa’s jetzt lebverflochten; denn, wenn es den Sindvölkern (die darin, dass sie keinen Satzungsglauben annehmen, alle Völker der Erde übertreffen) gelingt, das Engländer-Joch abzuwerfen, so werden auch Europa’s Völker von eben diesem Joche frei.“

1817, Anschauungen 2; S. 270 (Nachtrag vom 4. Februar 1821)

Büste Karl Christian Friedrich Krauses


„Es ist kein Grund, und kein Grund einzusehen: warum Wesen weset, und nicht (lieber) Nichts (das Nichts) ist. Aber die Stelle des Nichts ist durch Wesenleben nicht unterbrochen, sondern erfüllt; denn Wesenleben ist or-om-einklangig (absolute Harmonie).“

 

1820, Anschauungen 3; S. 39

 

„Vor Jesus und nach Jesus haben Menschen für das, was sie für erstwesentlich hielten, ihr Leben hingegeben, und zwar die Weseninnigen für das Lebwesentliche, d.i. für das Gute: sie haben, so wie Jesus, in Wesen, in ‚Gottes Augen‘ alle gleiche Wesenheit, gleichen Werth. Ihr reinwesenheitliches Eigenleben hat mehr Werth, als das Einzellebniss, diese Erdeleben um des Guten willen zu lassen.“

1820, Anschauungen 3; S. 39

 

„Wenn einmal erwiesen, dass, Thiere zu schlachten, lebwesenwidrig und ungerecht, so dürfte der weseninnige Mensch nicht sich begnügen, selbst kein Thier zu tödten, sonder er dürfte auch, um das Lebwesenwidrige nicht durch den Gebrauch seiner Ergebnisse zu fördern, nichts von getödteten Thieren zu Speise, Kleidung u.s.w. nützen.“

1820, Anschauungen 3; S. 39

Aus Arthur Schopenhauers Handexemplar des Oupnek’hat (2): „Tat twam asi (=tatoumes) – dies bist du“

„In den Wörtern ‚Mystik, Mystiker, mystisch‘ ist die Ahnung des: Wesenlebens, Wesenahmlebens, Wesendarlebens, der Wesen-gesinnung, - der reinen Wesenahmbildung, - ‚der reinen und höchsten Vernunft-Bildung des Menschen‘ vorläufig ausgesprochen. Besser sind freilich die Wesenwörter: Wesener, Wesenhold, Weseninniger, Wesenmälinniger, -keit, -ung u.s.w.“

1821, Anschauungen 3; S. 121

 


„Merkwerth ist mir auch, dass ich nie von dem christlichen Kirchenthume als Satzung befangen gewesen, ob ich gleich zu Hause vom Vater und in der Stadtschule stets dogmatisch unterrichtet und ohne Ausnahme zur Kirche gehalten wurde, wohin zu gehen, und wo auf die Predigt zu merken, meine Lust war, und dass auch kein philosophisches System mich zum Anhänger gehabt, dass weder Fichte’s, noch Schelling’s, noch Fr. Schlegels’s glänzende Gaben mich verblendet, ob ich gleich deren aufmerksamster Zuhörer und Schüler gewesen bin und ihre Wissenschaftgebilde gründlich und ohne Vorurtheil durchprüft habe.“

1821, Anschauungen 3; S. 127

 


„Bei dieser göttlichen Betrachtung ist der Mensch nicht allein über, nicht in, nicht ausser sich, - er ist or und ur und om auf seine endliche Weise. Dieses Schaun, Fühlen, Wollen, Leben ist ohne allen Fernschein, und insofern hat dann der Mensch sich unter sich, ist vor und über seinem Fühlen, Begehren, seinen Lusten, Schmerzen, Furchten, Hoffnungen.“

1821, Anschauungen 3; S. 127

 

„Ein Grundirrthum der ur-indischen Wissenschaft ist: dass die Sinnenwelt mit allen ihren Gebilden nur Täuschung, nur ein Phantasienspiel Brahma’s mit sich selbst – Maia – sei. Es ist ein Missverständniss der Ahnung: dass die Welt ein wesenhaftes Gedicht Gottes, als des Urkünstlers sei.


Um diese Ahnung zu verstehen, muss die Wesenheit auch der menschlichen Inbildwelt anerkannt sein. Die Welt ist ein Drama Gottes, - und deiner Würde angemessen ist es, o Mensch, diese deine endliche Rolle, dieses dein endliches Lebniss (Scene) mitzudichten.“

1821, Anschauungen 3; S. 271

 

Das tat twam asi in Devanagari-Schrift

Literatur:

  • Riedel, Kurt: Schopenhauer bei Karl Christian Friedrich Krause. In: Schopenhauer-Jahrbuch. 1956, S. 15-21.
  • Krause, Karl Friedrich Christian: Anschauungen oder Lehren und Entwürfe zur Höherbildung des Menschheitlebens. Aus d. handschr. Nachl. hrsg. von Paul Hohlfeld u. August Wünsche. Leipzig 1891.
  • Riedel, Kurt: Karl Krause-Schriftkreis. Typoskript, vorhanden in SLUB Dresden. Hier besonders Reihe A, Sende 26-30.

Der Nachlaß des Philosophen Karl Christian Friedrich Krause wird in der Sächsischen Landesbibliothek / Staats- und Universitätsbibliothek Dresden betreut.