Karl Georg Bähr (1833-1893)

„ … Diese Reife des Geistes, Besonnenheit, Urtheil, sichere Haltung des Vortrags und gründliche Auffassung sowohl der Kantischen als meiner Philosophie sind in Ihrem Alter (ich denke 22 Jahre) ein Phänomen…"

Arthur Schopenhauer an Carl Georg Bähr, am 1. März 1857

Carl Georg Bähr: Photographie aus dem Schopenhauer-Archiv

Karl Georg (er selbst unterschreibt seine Briefe mit Carl oder Karl) war der Sohn des Dresdner Kunstprofessors Johann Karl Ulrich Bähr aus dessen erster Ehe. Er wuchs in Dresden auf und studierte in Leipzig, Heidelberg und wieder in Leipzig die Rechte. Vom Vater her, mit dem ihn eine, in mehr als hundert Briefen1  bezeugte, vertrauensvolle Beziehung verband, war er soweit in das Studium der Philosophie Schopenhauers eingedrungen, daß er sich mit einer eigenen Abhandlung2 an der 1856 von der Leipziger Philosophischen Fakultät gestellten Preisaufgabe3 beteiligte4. Schopenhauer war von der Arbeit des jungen Bähr so angetan, daß er seine Zustimmung nicht nur in Briefen gegenüber dem Verfasser der Abhandlung, sondern auch in der Korrespondenz und in Gesprächen andern gegenüber zum Ausdruck brachte.

Zwischen dem reifen Philosophen und dem jungen Anhänger entwickelte sich nahezu ein Vater-Sohn-Verhältnis. Carl Georg Bähr berichtete seinem Vater in langen Briefen ausführlich von seinen Besuchen in Frankfurt, von

Die Taschenuhr Arthur Schopenhauers aus dem Schopenhauer-Archiv. Foto: Matthias Kegelmann

den Begegnungen in Schopenhauers Wohnung  ebenso wie von seinen Erlebnissen an der Tafel im Englischen Hof. Abend für Abend notierte Bähr dann alles was Schopenhauer gesprochen, alles was um ihn geschehen5 war. Niemandem hat Schopenhauer ähnliche Intima aus seiner Jugend erzählt (so von seiner ersten, jugendlichen Lektüre eines pornographischen Romans) und keinem anderen hat der Philosoph seine Begegnung mit dem Buddhismus in so ergreifenden Worten dargestellt.

Foto: Matthias Kegelmann

Im Anhang zu seinem Testament schreibt Arthur Schopenhauer: „7.) Hrn: C. G. Bähr, Sohn des Professors der Malerei Bähr zu Dresden vermache ich meine goldene Uhr.“6

Bei Pflegearbeiten fand sich im Inneren der Uhr ein Zettel mit einem interessanten provenienzgeschichtlichen Eintrag: Arthurs Vater Heinrich Floris Schopenhauer hatte offensichtlich die Uhr zur Geburt seines Sohnes in London gekauft. Mit dem Charakter eines Taufgeschenks hat dann der Philosoph es seinem Jünger vermacht. Dieser hinterließ die Uhr wiederum seinem Sohn, dem Dresdner Architekten Georg Bähr, der sie zuletzt dem Frankfurter Schopenhauer-Archiv schenkte.

Ermutigt durch die Anerkennung Schopenhauers bemühte Carl Georg Bähr sich in den Jahren 1858/59  gemeinsam, zunächst mit dem Maler Jules Lunteschütz, dann mit dem Professor A. Maillard, um eine Übersetzung von Teilen des Schopenhauerschen Werkes ins Französische. Dieser Plan scheitert.


Nach Schopenhauers Tod stand Bähr bis zum Ende seines Lebens in regelmäßiger Korrespondenz mit den Mitgliedern des Kreises der Männer um Schopenhauer. Er hatte sich in Dresden als Rechtsanwalt und Notar niedergelassen, schrieb für die großen Dresdner Tageszeitungen regelmäßig Theaterkritiken.


Als in der Zeitschrift „Unterhaltungen am häuslichen Herd“ ein Aufsatz Karl Gutzkows über Schopenhauer7 erschien, der von den Freunden Schopenhauers als Schmähung und Verleumdung aufgefaßt wurde, bot er Wilhelm von Gwinner8 an, gerichtlich gegen den Verfasser vorzugehen.

 

Seine Erinnerungen an Schopenhauer bearbeitete Karl Georg Bähr in seinen letzten Lebensjahren. Als er  8. September 1893 in Dresden starb, war dieses Werk noch nicht vollendet. Zunächst übernahm der als Schopenhauer-Forscher bekannte Ludwig Schemann  bereits ein Jahr nach Bährs Tod eine Edition. Später bearbeitete Bährs Sohn Georg Bähr den Nachlaß seines Vaters und gab seine Teile  einzeln heraus. Arthur Hübscher konnte dann einen Teil der Gesprächsaufzeichnungen Bährs in den bereits erwähnten Schopenhauer-Gesprächen und den Teil der Korrespondenz von Bähr Vater und Sohn, der sich auf die Erarbeitung und die Herausgabe der Abhandlung über die Schopenhauersche Philosophie bezieht , öffentlich machen.

Bährs Erinnerungen an Schopenhauer
Karl Georg Bähr, Foto: Schopenhauer - Archiv

1 Die Korrespondenz zwischen Vater und Sohn befindet sich im Schopenhauer-Archiv in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Die auf Schopenhauer bezogenen Abschnitte aus diesen Briefen sind im Schopenhauer-Jahrbuch XXXIX, 1958, S. 119-170 von Arthur Hübscher unter dem Titel: „Schicksale einer Preisaufgabe“ veröffentlicht.
2 Bähr, Karl Georg: Die Schopenhauer’sche Philosophie in ihren Grundzügen dargestellt und kritisch beleuchtet. Dresden: Kuntze 1857. XIV, 148 S. Im Schopenhauer-Jahrbuch 18, 1931, S. 1 – 178  veröffentlich Franz Mockrauer diese Schrift erneut und ergänzt sie durch die Anmerkungen und Zusätze aus dem Handexemplar des Verfassers. Das eigene Exemplar Arthur Schopenhauers, mit seinen Anstreichungen und Glossen ist vom Schopenhauer-Archiv der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main digitalisiert und im Internet öffentlich zugänglich gemacht : http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2009/12971/pdf/Schop_603_223_pdf
3 Arthur Hübscher [Hrsg]: Schicksale einer Preisaufgabe. Aus dem unveröffentlichtem Briefwechsel von Johann Karl und Carl Georg Bähr. In: Schopenhauer-Jahrbuch 39, 1958, S. 119-171.
4  Dokumentenanhang 1: Karl Georg Bähr: Die Schopenhauersche Philosophie. Titelblatt und Arthur Schopenhauers Urteil über diese Arbeit. (pdf)
5
Arthur Hübscher: Arthur Schopenhauer. Gespräche. Stuttgart; Bad Cannstatt: Frommann 1971. S. 230 – 270.
6 Hugo Busch: Das Testament Schopenhauers. Wiesbaden: Brockhaus 1950. S. 75.
7 Karl Gutzkow: Ein Selbstdenker. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd, 22. Nov. 1852, Nr. 5, 80.
8 Hübscher, Arthur [Hrsg]: Zum Briefwechsel Bähr – Gwinner. In: Schopenhauer-Jahrbuch 31. 1943. S. 127-129.
9 Bähr, Karl: Gespräche und Briefwechsel mit Arthur Schopenhauer. Aus dem Nachlasse herausgegeben von Ludwig Schemann. Leipzig: Brockhaus 1894. XVI, 90 S.
10 - Bähr, Georg [Hrsg.]: Zwei Briefe zur Schopenhauerschen Philosophie. Ein Briefwechsel zwischen Joh. Gottlob von Quandt und Carl Bähr. In: Schopenhauer-Jahrbuch 27. 1940,  S. 99-108.
    - Bähr, Georg [Hrsg.]: Aus dem Nachlaß von Carl Bähr. In: Schopenhauer-Jahrbuch 29, 1942, S. 179-223. [Diese Veröffentlichung enthält Bährs Notizen zur Philosophie Schopenhauers aus den Jahren 1856/57 sowie Auszüge aus seinen Tagebüchern.]
11 Siehe Anm. 1.