Von der Gründung der Schopenhauergesellschaft im Herbst 1911 bis zur 5. Generalversammlung in Dresden 1916



Paul Deussen (1845-1919), Gründer der Schopenhauer-Gesellschaft

 

„ … ladet unsere Gesellschaft alle ernsten und denkenden Menschen ein, sich um Schopenhauers Namen … zu scharen … um bei voller Wahrung der freien, individuellen Überzeugung Gelegenheit zu finden, sich in unseren Jahrbüchern, unseren Generalversammlungen, in den Zusammenkünften der Ortsgruppen und im persönlichen Verkehr mit Gleichgesinnten auszusprechen …“

Paul Deussen in seinem programmatischen Beitrag „Was wir wollen“  im IV. Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 1915

 

Bereits das erste Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft, das 1912 erschienen ist, verzeichnet alle Mitglieder mit ihren Namen, ihren Berufen und ihren Adressen. Eine Übung, die erst in der Zeit des Nationalsozialismus zum Schutz der Mitglieder aufgegeben werden mußte.

Aus den Monaten seit dem Gründungsaufruf im Spätherbst 1911 sind bei Erscheinen des ersten Jahrbuchs für 1912 acht Personen, die ihren Wohnsitz in oder bei Dresden hatten, im Mitgliederverzeichnis aufgeführt. Diese Zahl erhöht sich bis 1916 auf zwanzig1. Da die Stadt Dresden an ihrer Technischen Hochschule zwar eine sehr aktive „kulturwissenschaftliche Abteilung“ besaß, aber über keine Universität im klassischen Sinne verfügte, gab es unter den Dresdner Mitgliedern kaum Vertreter der von Schopenhauer so heftig verspotteten „Universitätsphilosophie“.

So ergibt die Aufzählung der ersten acht Dresdner Mitglieder, ein farbiges Bild ihrer sozialen Herkunft und ihres beruflichen Tätigkeitsfeldes: Die Hälfte dieser Schopenhauerfreunde kommt aus der schreibenden Zunft: Der dänische Autor Karl Gjellerup lebte von 1885-87 und von 1892 bis zu seinem Tode im Jahre 1919 in bzw. bei Dresden. Ihn hatte seine intensive Beschäftigung mit dem Buddhismus zu Schopenhauer geführt. Richard Bresch war ein Verleger und Schriftsteller, der 1905 nach einem Konflikt mit Rudolf Steiner aus der theosophischen Gesellschaft gedrängt worden war. Zu den Männern mit erstaunlichen Berufen in einer der Philosophie gewidmeten Gesellschaft gehört der Alpinist und Reiseschriftsteller Oscar Schuster . Der in Dresden als Privatgelehrter lebende Musikschriftsteller Kurt May schließt diese Gruppe ab. Der königlich-sächsische Baurat Georg Cress ist in Sachsen als der Baumeister der Talsperre Klingenberg (Bauzeit 1908-1914) bekannt und trat der Schopenhauer-Gesellschaft bei ihrer Gründung bei. Mit Karl Thieme und Emil Ritter sind zwei Mediziner und mit Frau von Harck vom Schloß Seußlitz ist die erste Dame unter den Mitgliedern des Gründungsjahres.

In den folgenden vier Jahren bis zur Dresdner Generalversammlung der Schopenhauer-Gesellschaft in der Pfingstwoche 1916 hat sich die Zahl der Dresdner Mitglieder auf 20 erhöht. Vier davon waren Frauen. Für die weitere Entwicklung war eine Reihe von Personen sowohl in gesellschaftlich-politischer Hinsicht als auch durch ihre inhaltlichen Beiträge besonders wichtig:

  • Willibald Kirsten, der im Jahrbuch als philosophisch-psychologischer Schriftsteller angeführt wird.
  • Constantin Großmann, Theologe, später Pfarrer an der Annenkirche in Dresden.
  • Walter Koch, Politiker im sächsischen Innenministerium, später Gesandter in Prag.
  • Katharina Scheven, die erste weibliche Studentin an der Dresdner Technischen Hochschule, die erste weibliche Stadtverordnete in Dresden, Sozialpolitikerin, Frauenrechtlerin.

Jedoch stehen nicht alle Freunde und Förderer der jungen Gesellschaft im Mitgliederverzeichnis: Zwei der drei Töchter des frühen Schopenhauer-Freundes Karl Georg Bähr, Angelika und Caecilie Bähr schenken bereits 1911 der zunächst bei Paul Deussen in Kiel entstehenden Sammlung von Erinnerungsstücken Schopenhauers ein Prisma aus dem Nachlaß ihres Großvaters, des Kunstprofessors und Malers Johann Karl Bähr. Caecilie Bähr wurde 1916 Mitglied.


1 Kurzbiographien wichtiger Mitglieder aus Dresden und Umgebung finden sich in der Datenbank, die dem ganzen Projekt Schopenhauerrezeption in Dresden beigegeben ist.