Die fünfte Generalversammlung der Schopenhauer-Gesellschaft in Dresden vom 12. bis 17. Juni 1916



„ … wohl die einzige Gesellschaft, die sich um einen Philosophen schart, und die doch ihre Mitglieder nicht nur unter Fachgelehrten sucht.“

Professor Karl O. Erdmann in den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14. Juni 1916

 

Die im ersten Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft veröffentlichten Statuten nennen in § 6 als Organe der Gesellschaft:

  a)    Die Generalversammlung und
  b)    Das Kuratorium.

Die Generalversammlung hat als wichtigste Aufgabe die Wahl des Kuratoriums. Vorgesehen ist, die Generalversammlung jährlich innerhalb des jeweils ersten Semesters zusammenzurufen und es bildet sich der Brauch heraus, dafür die Woche nach Pfingsten zu nutzen.

Die erste dieser Zusammenkünfte findet im Mai 1912 in Kiel statt. Es folgen 1913 Frankfurt am Main, 1914 München und 1915 Düsseldorf. Schon 1912 am Gründungsort ist die Versammlung auch dem wissenschaftlichen Austausch gewidmet: die anwesenden Mitglieder stellen in Vorträgen ihre Arbeit vor, woran sich eine breite Diskussion schließt. Ein ausführlicher Bericht im jeweils folgenden Jahrbuch referiert diese Beiträge. Die in den ersten Jahren stark wachsende Zahl von Mitgliedern (1912: 210; 1913: 299; 1914: 365; 1915:420) läßt die Generalversammlungen in den gastgebenden Städten immer mehr zu einem gesellschaftlichen Ereignis werden, an dem die jeweiligen kommunalen Gremien, die Kultureinrichtungen, die Presse und das interessierte Publikum einen regen Anteil nehmen.

Bereits auf der zweiten Tagung 1913 kommt man überein, in Zukunft sich jeweils ein zentrales Thema für die wichtigsten Beiträge zu setzen, wobei aber in der Praxis auch Raum für weiter ab liegende Fragen bleibt.

Der im August 1914 ausgebrochene Krieg macht die eindeutige Stellungnahme Paul Deussens nötig, daß die Gesellschaft und damit die Philosophie sich nicht in den Strudel des nationalen Hasses hineinziehen lassen wird.

Dies ist die Situation, in der ein Ortsausschuß die Vorbereitungen für die fünfte Generalversammlung in Dresden aufnimmt.

Alle hier genannten Personen sind zu diesem Zeitpunkt Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft und werden in Zukunft in der Dresdner Ortsgruppe eine Rolle spielen.

Gesellschaftlich flankiert wird die Vorbereitung durch einen Ehrenausschuß1 , dem die Vertreter sowohl der kommunalen Politik und Wirtschaft als auch der Wissenschaft und der Künste angehören:


Das Programm

Die Eröffnungsveranstaltung versammelt etwa 90 Mitglieder im großen Saal des Dresdner Hotels Bristol. Hier gibt es die festlichen Grußworte, wird das wissenschaftliche Programm festgelegt und das kulturelle Rahmenprogramm vorgestellt.

Das Hauptgebäude der Technischen Hochschule Dresden am Bismarckplatz


Am darauffolgenden Mittwoch beginnt die Tagung im damaligen, ebenfalls am Bismarckplatz gelegenen Hauptgebäude der Dresdner Technischen Hochschule. Sowohl der Dresdner Oberbürgermeister Blüher als auch der Rektor der Technischen Hochschule Professor Elsenhans nehmen ihre Begrüßungen zum Anlaß auf Schopenhauers Bedeutung für das Denken der Zeit einzugehen. Den Hauptvortrag hält Paul Deussen zum Thema Willensfreiheit.

Die drei Tage intensiven wissenschaftlichen Austauschs2 werden von einem farbigen Programm begleitet: Man besucht gemeinsam den Ort von Schopenhauers Wohnung in der Herzogin Garten, die Königliche Bibliothek hat eine Ausstellung aller der Bücher vorbereitet, die Schopenhauer in der Zeit der Entstehung seines Hauptwerkes ausgeliehen hatte, am Abend gibt die Hofoper eine Ehrenvorstellung mit Wagners "Tristan".

Zwei größere Ausflüge in die Sächsische Schweiz und nach Meißen führen den Tagungsteilnehmern die Landschaft vor, die Schopenhauers fruchtbarste Lebensphase umgeben hatte.

Nie wieder ist eine Generalversammlung so ausführlich und mit so großer Sympathie von der gesamten Presse3 des gastgebenden Ortes begleitet worden. Der Dresdner Anzeiger, die Dresdner Nachrichten und die Dresdner Neuesten Nachrichten sowie die Dresdner Volkszeitung berichteten in ihrem Mitteilungsteil seit dem 9. Juni ausführlich und veröffentlichten in den Feuilletons täglich jeweils eigene ausführliche Beiträge.

Das Japanische Palais beherbergte bis 1945 die Bibliothek

1 Informationen zu den einzelnen Personen, sowohl im Orts- als auch im Ehrenausschuß finden Sie in der beigefügten Personendatenbank.
2 Vergleiche hierzu den „Bericht über die fünfte Generalversammlung der Schopenhauer-Gesellschaft zu Dresden vom 13. Bis 17. Juni 1916. In: Sechstes Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft. 1917; S. 301 – 311.
3 Dokumentenanhang: Drei Berichte in der Dresdner Volkszeitung von Eva Buettner (pdf)