Die achte Generalversammlung vom 21. – 25. Mai 1920 in Dresden


Zwei Dinge bestimmen im Vorfeld den Charakter der achten Generalversammlung. Deutschland ist vom Kapp-Putsch erschüttert. Die Abwehrreaktion der Reichsregierung nimmt Frankreich als Siegermacht des Weltkrieges zum Anlaß, das Rheinland, und damit auch die Stadt Frankfurt am Main, die eigentlich zum Tagungsort bestimmt war, zu besetzen. Nach heftiger Diskussion im Vorstand der Schopenhauer-Gesellschaft, ob die Versammlung ausgesetzt oder an einen anderen Ort verlegt werden solle, setzt sich die Dresdner Ortsgruppe mit ihrem Vorschlag durch, die Versammlung wieder in Dresden stattfinden zu lassen, zumal bereits 1919 infolge der Wirren rund um das Ende des Krieges keine Generalversammlung hatte stattfinden können.

Am 6. Juli 1919 war der Gründer und allseits akzeptierte Vorsitzende der Schopenhauer-Gesellschaft, Paul Deussen, in Kiel gestorben. Im Kontext einer grundlegenden gesellschaftlichen und politischen Veränderung, die sich seit dem Ende des Krieges in ganz Europa vollzog, brechen auch innerhalb der Schopenhauer-Gesellschaft bisher ausgeglichene und neu entstehende Konflikte auf.

Taschenberg-Palais in Dresden aus: Fritz Löffler: Das alte Dresden

Von den Spannungen ist am Programm zunächst nichts zu spüren. Bei der festlichen Eröffnung am Freitag, dem 21. Mai im Gobelinsaal des Dresdner Taschenberg-Palais würdigt der Vorsitzende der Dresdner Ortsgruppe, Paul Büttner, den jüngst verstorbenen dänisch-deutschen Dichter Karl Gjellerup. Es gibt ein Festkonzert, das ausschließlich von Künstlern dargeboten wird, die Mitglieder der Dresdner Ortsgruppe sind.

Vom nächsten Morgen an ist, wie schon bei der Generalversammlung von 1916, die Aula der Technischen Hochschule der Versammlungsort. Hier beginnt der Tag mit einer Gedenkveranstaltung für Paul Deussen. Vertreter der sächsischen Landesregierung und der Volkskammer, der Oberbürgermeister Carl Blüher, der bereits 1916 die Grüße der Stadt an die Gesellschaft dargebracht hatte,  sowie Professor Ernst Bergmann, als Vertreter der Kantgesellschaft demonstrieren ihre Verbundenheit mit der Schopenhauer-Gesellschaft. Aus diesem Anlaß wird eine Büste Deussens, die der Berliner Bildhauer Ernst Gorsemann geschaffen hat, vorgestellt. Das umrahmende Konzert bringt auch eine Komposition des Vorsitzenden der Dresdner Ortsgruppe Paul Büttner zur Aufführung.

 

Die Themen der wissenschaftlichen Vorträge zeugen von dem Bemühen, sich den Problemen der schwierigen Gegenwart zu stellen: Der Dresdner Dramaturg und Schriftsteller Karl Wollf referiert über „Schopenhauer und die Gegenwart“, Richard Böttger zum Thema „Schopenhauer als Kulturphilosoph“ , aus Leipzig ist Friedrich Lipsius mit seinem Beitrag „Pessimismus und Sozialismus“ gekommen.

Wie auch 1916 gibt es im Rahmenprogramm in der Staatsoper Richard Wagner: diesmal den Lohengrin.

Ein Konflikt

Mit Maria Groener und Jo Weber meldeten sich nach dem Tod Paul Deussens zwei hasserfüllte Antisemiten zu Wort. Groener hatte ihrer Schrift „Schopenhauer und die Juden“ (1920) ein Kapitel unter der Überschrift „Die Juden und Schopenhauer“ angehängt, das eine unmittelbare gehässige Attacke auf die jüdischen Mitglieder der Schopenhauer-Gesellschaft darstellte und über weite Strecken als ein persönlicher Angriff auf Franz Mockrauer zu lesen war.

Bei der geschäftlichen Sitzung  am Rande der Dresdner Generalversammlung werden am 23. Mai 1920 nach einstimmigem Beschluß des Vorstandes der Gesamtgesellschaft Frau Groener und Herr Weber ausgeschlossen. Die Ausgeschlossenen reagieren mit der Gründung der „Neuen Deutschen Schopenhauer-Gesellschaft“.