1927: Die zwölfte Generalversammlung der Schopenhauer-Gesellschaft: Europa und Indien



„Was aber die Schopenhauer-Gesellschaft immer wieder nach dem Geburtsort der ‚Welt als Wille und Vorstellung‘ zieht, ist neben inneren Ursachen die erfreuliche Tatsache, daß sie in Dresden eine besonders starke und rührige Ortsgruppe besitzt, welche auch diese Tagung mit einer Liebe und Sorgfalt vorbereitet hatte, für die der Dank aller Teilnehmer ihr gewiß ist.“

 Hans Taub (München) im Schopenhauer-Jahrbuch 1928


Zum dritten Mal richtet die Dresdner Ortsgruppe eine Generalversammlung aus. Das Thema Europa und Indien ist weltumspannend und ehrgeizig. Nicht nur daß die indische Philosophie und ihre Religionen für Schopenhauer die dritte Säule seines philosophischen Gebäudes ist, sondern auch die Aspekte des 20. Jahrhunderts spielen bei den Veranstaltungen dieser Tagung eine wichtige Rolle.

Gandhi beim Salzmarsch 1930, Quelle: Wikipedia

Ein indischer Gelehrter, Prabhu Dutt Shastri, der infolge politischer Unruhen an der Reise nach Dresden gehindert war, sprach in einem Grußschreiben den Wunsch aus, daß einst die Schopenhauer-Gesellschaft auch in Indien tagen möchte. Die ist erst am Beginn des 21. Jahrhunderts möglich geworden.

Den Rednern, die zu diesem Kongreß eingeladen waren, hatte Franz Mockrauer eine Liste mit 8 Fragen vorgelegt, die den Rahmen der wissenschaftlichen Diskussion abstecken sollte:

Ausgehend von der Frage, ob Schopenhauer die Upanishaden und den Buddhismus richtig verstanden habe, über das allgemeine Problem, ob Europäer überhaupt das indischen Leben und Denken begreifen können und die Zukunftsaussichten europäisch-indischer Wechselbeziehungen, betraf das Interesse auch zahlreiche Einzelprobleme und die Liste endete mit der Frage inwiefern die Schopenhauer-Gesellschaft einen fördernden Einfluß auf die gegenseitigen Beziehungen nehmen könne.

Schopenhauers Buddha [?], Die einzige bekannte Photographie der verschollenen Figur Schopenhauer-Archiv UB

Die Eröffnungsveranstaltung am Montag, den 6. Juni wurde musikalisch vor allem durch den inzwischen nach Dresden übersiedelten Komponisten Felix Gotthelf geprägt, dazu wurde aus den Reden Buddhas im originalen Pali und in deutscher Übersetzung gelesen, der Theatermann Karl Wollf trug in freier Rede buddhistische Märchen vor und es fehlten auch Goethes indische Gedichte (die Paria-Trilogie und die Ballade „Der Gott und die Bajadere“) nicht.

Die Prominenz aus Politik und Wissenschaft eröffnete dann die eigentliche Tagung am kommenden Tag.

Die lange Reihe wissenschaftlicher Beiträge begann Franz Mockrauer mit einem Vortrag über die Bedeutung die Indien für Schopenhauer selbst hatte. Es folgten Paul Masson-Oursel (Paris), Stanislaw Scheyer (Warschau), aus Indien Tarachand Roy, Richard Böttger (Dresden), Betty Heimann (Halle), Helmuth von Glasenapp (Berlin), Hilko Wiardo Schomerus (Halle), Friedrich Lipsius (Leipzig), Hermann Beckh (Stuttgart) und Otto Strauß (Kiel) beschäftigten sich an den beiden ersten Tagen mit der indischen Gedankenwelt und ihrer europäischen Rezeption.

Der dritte Tag der Versammlung galt Fragen der Gegenwart: Paul Birukoff beschäftigte sich mit dem Verhältnis Tolstoi – Gandhi, Hans Prager (Wien) verglich das Weltbild Dostojewskis mit dem Gandhis und René Fülöp-Miller (Wien) betrachtete Gandhi und Lenin in ihrer Gegensätzlichkeit.

Zu den wichtigen Begleitveranstaltungen zählte wieder eine Ausstellung1 in der Sächsischen Landesbibliothek, sie beleuchtete sowohl die Geschichte der Indienrezeption in Europa und besonders in Deutschland in einzelnen Kapiteln wie: Indien und das Mittelalter; die Romantik und Indien; Goethe und Indien und natürlich Schopenhauer und Indien mit Objekten, Büchern und Handschriften. Die Bücher spiegelten Schopenhauers Indien-Lektüre wieder und zahlreiche Gegenstände aus dem Dresdner Museum für Völkerkunde sorgten für eine angemessene Atmosphäre.

Interessant ist, daß diese hochkarätige Veranstaltung von der Presse kaum mehr kommentiert wurde, ja, der Vorsitzende Hans Zint klagt in einem Brief an Franz Mockrauer, daß die rechtskonservative Presse sich über die Schopenhauer-Gesellschaft ausschweigt. Ganz besonders enttäuscht aber zeigt er sich in diesem und einem weiteren Brief, über die Darstellung, die diese Tagung seitens der linksliberalen „Weltbühne“2 erfahren hat.


1 Dokumentenanhang: Zur Ausstellung in der Landesbibliothek
2 Dokumentenanhang: Die Weltbühne zur Generalversammlung