1812: Semesterferien mit Freunden in Dresden


Während nicht ganz klar ist, ob Arthur übertreibt, wenn er am 12. August 1804, beim zweiten Besuch der Stadt mit seinen Eltern schreibt: „Obgleich wir schon mehrmals in Dresden gewesen waren...“ steht doch fest, daß er die sächsische Residenz so sehr im Herzen behalten hat, daß er von Berlin aus die Semesterferien im Spätsommer und Frühherbst 1812 an der Elbe verbringen möchte. Seine Göttinger Semesterferien hatte er 1809 zu einer sorgfältig vorbereiteten Harzreise genutzt.

Der Sitte entsprechend gibt die weltläufige Mutter Johanna am 15. August 1812 ihrem Sohn ein Empfehlungsschreiben nach Dresden mit. Der Adressat ist Karl August Böttiger, der seit 1791 Gymnasialdirektor in Weimar und seit 1804 in Dresden ansässig ist. Hier bildet der Archäologe und Schulmann einen Mittelpunkt bildungsbeflissener städtischer Kreise, ist Zentrum des gesellschaftlichen Klatsches und hat Zugang zu Allem und Jedem. Spöttisch nennt man ihn den „Magister ubique“. Johanna schreibt: „Eisenach, den 15. August 1812. ... Erlauben Sie mir, verehrter Freund, daß ich mich auf ein paar Augenblicke Ihrem Gedächtnis zurückrufe indem ich Ihnen in dem Überbringer dieser Zeilen meinen Sohn Arthur vorstelle, welcher die Ferien der Berliner Universität benuzt um einige Zeit in Ihrer schönen Stadt zuzubringen. Vollenden Sie das Übermaaß Ihrer Güte gegen mich dadurch indem Sie ihm Anleitung geben, wie er diese Tage am nützlichsten und genußvollsten anwenden kann.“1

Johanna Schopenhauer, Schopenhauer-Archiv, UB Frankfurt
Carl August Böttiger, Aus: Haenel, E.: Das alte Dresden. München 1925

Ob Arthur allein reist oder ob die Berliner Kommilitonen ihn von Anfang an begleiten, läßt sich nicht ermitteln. Am 17. September 1812 jedenfalls trägt sich eine Gruppe Studenten ins Fremdenbuch der Dresdner Kunstkammer ein2:

Arthur Schopenhauer als Student, Schopenhauer-Archiv, UB Frankfurt
  • Arthur Schopenhauer Philos: Stud:
  • Sal. Heß Stud. Philos. Berol.
  • C. Koelle Stud. Med. Berol.
  • C. Iken st. phil.aus Bremen.
  • F.C. Weiß Stud. Philos. Berol:

Von den vier Begleitern ist lediglich Carl Jakob Iken bekannt, der auch noch in Zukunft in engerer Beziehung zu Schopenhauer stehen wird. Er hat den Freund auf den barocken Schelmenroman „Schelmuffsky“ aufmerksam gemacht und ist später durch die Übersetzung und Herausgabe der persischen Märchensammlung Tuti-Nameh und griechischer Volkslieder bekannt geworden.

Arthur wird vermutlich 1812 seine Kenntnis Dresdens den Freunden angeboten haben, sie werden gemeinsam die in Dresden blühende italienische Oper besucht, nach dem Linckeschen Bad spaziert und in die Gemäldegalerie gegangen sein. Außerdem entspricht es ganz dem romantischen Lebensgefühl der akademischen Jugend, daß man gemeinsam die „schönen Gegenden“ der Dresdner Umgebung genießt. Besuche in der königlichen Bibliothek haben sich für diesen Zeitraum bisher noch nicht nachweisen lassen.


1 Arthur Schopenhauer: Der Briefwechsel. Bd 3; Hrsg. von Arthur Hübscher. München: Piper 1942, S. 107. -  In: Schopenhauer, Arthur: Sämtliche Werke Hrsg. von Paul Deussen. Bd. 16.

2 ebenda. S. 107. Die Quelle, das Besucherbuch der Dresdner Kunstkammer, ist seit dem Ende des II. Weltkrieges verschollen.